Kultur : KURZ & KRITISCH

Roman Rhode

JAZZ

Kühler Stein

und heiße Sohle

Céline Rudolph, die Professorin für Jazzgesang in Dresden und polyglotte musikalische Weltenbummlerin, tänzelt in der Passionskirche barfuß über die kühle steinerne Bühne. Hier hatte sie vor Jahren ein Konzert von Baden Powell erlebt; nun steht sie selbst da, umgeben von einem exzellenten Quartett aus São Paulo, und trägt eine zärtliche Hommage an den großen brasilianischen Gitarristen vor. Céline Rudolphs ausdrucksstarke Stimme ist von bittersüßer lusitanischer Schwermut, ihr Gesang reich an Modulationen, besitzt aber zugleich eine Körperlosigkeit, die sie jeglichem Genre enthebt. Für ihr neues Album „Brazaventure“ (Enja), das sie an diesem Abend vorstellt, hat die Sängerin den Produzenten Rodolfo Stroeter (Gilberto Gil, Milton Nascimento) gewinnen können, der den ruhenden Pol am Kontrabass gibt, während Gitarrist Paulo Bellinati aus seinem akustischen Instrument mehr Effekte hervorzaubert, als das mit elektrischen Geräten möglich wäre. Selbst Stücke von Coltrane oder dem französischen Rapper MC Solaar fügen sich wie selbstverständlich ein ins interkontinentale Repertoire, und als Rudolphs Stimme bei einem feurigen Duo/Duell mit dem Blasebalg des Akkordeons den Sieg davonträgt, schlägt sogar der Funke aus dem kalten Stein.

KLASSIK

Bevor Wagner

den Weltuntergang erfand

Das Liedschaffen Richard Wagners ist vielleicht nicht zu unrecht nur in Auszügen bekannt. Der Meister selbst hielt lächelnde Distanz zu seinen Jugendwerken. Dennoch eröffnete ein Konzert der Deutschen Oper mit sämtlichen Klavierliedern neue Aussichten auf einen Geisteskoloss, der sich noch im Jahre 1871 diebisch über die 500 Francs freute, die ihm ein Verleger für sein blasses „Tannenbaum“-Lied überwies. Der eigentliche Wagnerianer-Schock des Abends (wieder: 24. Februar) bestand aber wohl darin, dass sich der Musikdramatiker in seinem Pariser Leben auf die Komposition von Mélodies verlegt hatte, jener spritzig-eleganten Gattung, mit denen die Sänger des Grand Opéra nebenher die Salons unterhielten. Marina Prudenskaja fand zu einer farbenreich hingetupften Version des lebhaften „Mignonne“, das auf eine merkwürdige Art jedwede einprägsame Thematik vermeidet. Genauso sind die beiden Albumblätter, die als Lieder ohne Worte auch vorkommen durften, gleichsam psychologische Studien ohne Inhalt. Semjon Skigin am Flügel rettete sie für den Konzertsaal, fand Raffinement und manchmal echte Musik darin. Eine sehr respektable Leistung zeigte auch der Bariton Simon Pauly in seiner Interpretation der „Faust“-Lieder. Zuletzt interpretierte Sopranistin Manuela Uhl die Wesendonk-Lieder in manchmal etwas einförmiger Diktion. Wagner heißt nicht immer Weltuntergang. Matthias Nikolaidis

LESUNG

Alles fließt

aus den Leidenden heraus

Man leidet in der jungen Literatur, noch immer. Dabei hat sich Goethes Werther vor über zweihundert Jahren das Leben genommen. Auch in den Texten der zehn jungen Berliner und Grazer Autoren, die sich im Roten Salon der Volksbühne unter dem Motto „Die Angst vor der Axt“ versammelten, werden Spielarten des Suizids durchexerziert, von Pulsadernaufschneiden bis Lacktrinken. Vor allem aber wird gekotzt: Johannes Wankhammer eröffnet die vom engagierten „Gold“-Literaturmagazin einberufene Runde mit der Geschichte eines erfolglosen Komponisten, dessen geniale Ideen in Schmalz auf Brot statt Noten auf Papier enden, um schließlich als „Weltallsymphonie“ auf den Schreibtisch erbrochen zu werden. Die Grazerin Felicitas Ferder beschreibt die Leiden einer Sozialarbeiterin, deren greise Klientin in einer solchen Kloake von Wohnung lebt, dass der bestialische Gestank sich manifestiert, wenn „winzige Moleküle von Kot und Kotze“ beim Atmen in den Blutkreislauf eintreten. Das Drastische des Erzählten steht in krassem Gegensatz zu einer Sprache, in der man vornehm „Gewand“ statt „Kleidung“ sagt. Motive wie der sonntägliche Kirchgang erwecken den Eindruck, dass die jungen Österreicher mit viel älteren Dämonen zu kämpfen haben als der eigenen Orientierungslosigkeit. Ansonsten immer wieder Körperteile und -flüssigkeiten. Doch kann man das auch als Gesellschaftskritik à la Max Liebermann interpretieren: „Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich Kotzen möchte!“ Lea Streisand

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