Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Mr. Brendels

gesammeltes Schweigen

Das haben Sie sich so gedacht: Zwischen die Sätze von Haydns Klaviersonate Hob. XVI:20 husten, aber eine zweite Zugabe haben wollen! Die gibt Alfred Brendel nun nicht, und man kann nur hoffen, dass daran nicht die vielen Zuhörer in der Philharmonie schuld sind, die sich auch von bösen Blicken und traurigem Kopfschütteln des Meisters nicht in ihrer Kehlreinigung stören lassen. Warum das Husten bei Brendel-Konzerten so unglaublich nervt? Nun, schon allein wegen der herrlichen Pausen. Die möchte man sammeln, wie Bölls Dr. Murke das Schweigen: Da gibt es nicht nur das kleine effektvolle, rhetorische Innehalten, sondern auch – etwa bei einem Schubert-Impromptu – die wortlos große, für Sekunden alles infrage stellende Leere. Und erst recht die faszinierenden, gliedernden Pausen zwischen den Formteilen bei Haydn: Pausen, die bei Brendel keinesfalls die Architektur des Stücks zum Einsturz bringen, sondern im Gegenteil so elegant und klar wirken wie die Säulengliederung eines klassizistischen Palais. Ebenso herrliche Pausen könnte es auch zwischen den Sätzen geben: Denn natürlich hört dieser großartige Architekt nicht zwischen Adagio und Finale mit Denken und Fühlen auf. Zugegeben: Brendels Gedankenstrenge und sein fester Anschlag haben etwas an sich, das nach Entspannung verlangen lässt. Aber wer etwas Geduld mitbringt, kann Entspannung auch von Brendel selbst erhalten: Das Fugenthema im Finale von Beethovens Sonate op. 110 lässt sich jedenfalls nicht lapidarer, berührender und natürlicher spielen, als es Brendel mit seinem in den letzten Jahren gewonnenen altersmilden Piano tut.

ROCK

Nicht denken!

Tanzen!

„Rock’n’Roll ist eine Epidemie, die man als Tanzwut bezeichnen kann.“ Das stand 1956 in der „ Zeit“. Als Gegenmaßnahme wurde die Isolierung der Tanzwütigen empfohlen. Schwere Fälle könnten mit Prügeln und kalten Wassergüssen behandelt werden. Alles kam anders, alles tanzte – und nicht nach Pfeifen: Großartige Musiker lösten die reaktionären Vorurteile in Schweiß auf. Aus einem hochhedonistischen, kreativ-aufgeregten Spannungsfeld heraus entstanden immer wieder Songs, die einem sofort in Bauch und Beine fahren. 2006 schaffte das hierzulande am eindrucksvollsten die Band Fotos . Im Lido bewies das Hamburger Quartett jetzt, dass es die tanzwütige Kraft seines Debütalbums auch live entfachen kann. Fotos verschmelzen die Energie und Wut von Punk mit der Ausgelassenheit und Lebensfreude von Disco zu einem konsequent-aufdringlichen Tanzvergnügen. Sänger und Gitarrist Tom Heßler besitzt eine mitreißende Präsenz und der ständig pumpende Beat prügelt einem alle Einwände gegen die Band aus dem Kopf: Dass es den Songs an Eigenständigkeit fehlt. Dass Fotos nur die deutschen Franz Ferdinand sind. Dass die Texte nicht über Pennäler-Befindlichkeitskitsch hinauskommen. Geschenkt. Im Lido rast man mit, einfach so, aus Trägheit. Und feiert wieder einmal die Verhöhnung des Schwerfälligen, den Sieg des Unbekümmerten. Die Wassergüsse kommen zu Hause trotzdem – um den Schweiß abzuwaschen. Sebastian Gierke

KLASSIK

Vivaldi

in die Waden beißen

Trivialität und Genie liegen wohl bei wenigen Komponisten so nahe aneinander, wie bei Antonio Vivaldi. Rund 500 Concerti schrieb der venezianische Komponist und Violinvirtuose, darunter einige Dutzend Meisterwerke. Aber leider auch viel Massenware, Stücke, in denen das Talent Vivaldis nur hier und da aufleuchtet. Was für die Akademie für Alte Musik im Konzerthaus eine Herausforderung ist, gilt es doch, gleich im ersten Satz des g-Moll- Concertos äußerst schlichte Sequenzen eines einzigen Motivs mit Leben zu füllen. Das gelingt vor allem durch beeindruckende dynamische Durchgestaltung. Immer wieder legen die Musiker neue Schattierungen auf die zahllosen Repetitionen, machen das an sich hölzerne Stück biegsam und lebendig. Und dem Cellisten Jan Freiheit zuzusehen, wie er im Sekundentakt nicht nur seine Spielart, sondern auch seine Mimik ändert, vom melancholischen Dackelgesicht zum Berserker mutiert, dann den Versonnenen gibt – so wird auch eine an sich völlig langweilige Bassführung zum Vergnügen. Erst im letzten Stück, im Doppelkonzert a-Moll, stößt das Engagement des Ensembles auf solides kompositorisches Fundament, das ungleich komplexer gebaute Stück rauscht wie ein Regen durch die Dürre. Und die charmante zweite Solistin, Midori Seiler, stellt Konzertmeister Georg Kallweit dabei gelegentlich auch tonlich in den Schatten. Ulrich Pollmann

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