Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

KLASSIK

Drei Engel

für Franzl

Natürlich hört das Auge mit: Wenn drei junge Damen in schulterfreien Roben hereingeschwebt kommen, die Blonde im großen Schwarzen, die Brünette in Lila, die Schwarzhaarige in nächtliches Blau gehüllt, verwandelt sich der nüchterne Kammermusiksaal der Philharmonie leicht in einen großbürgerlichen Salon, dann wird das montägliche Konzertprogramm zum veritablen biedermeierlichen Hausmusikabend. „Sechs deutsche Lieder“ von Louis Spohr stehen am Beginn, sentimentale Minidramen im Volkston, ideale Musik für höhere Töchter. Juliane Banse singt von Sehnsucht und heimlichem Leid mit diesem unnachahmlichen, jungmädchenhaften Ton, den die Sopranistin zur Perfektion beherrscht. Da schimmert das Mondlicht perlmuttmatt wie eine doppelreihige Perlenkette im Kerzenschein. Derselbe poetische Atem wird dann auch ihre Auswahl elegischer Schubert-Lieder durchwehen. Den Wildfang der Familie gibt die Klarinettistin Sharon Kam, ein keckes Kind, das – hier stehe ich und kann nicht anders – stets mit dem ganzen Körper musiziert, jeder Ton prallvoll von naiver Leidenschaft. Befremdlich bleibt in diesem Klangambiente die 1. Klarinettensonate des alten ernsten Rauschebarts Johannes Brahms, trotz (oder wegen?) des feurigen Engagements von Kam und der Pianistin Silke Avenhaus. Zur hinreißenden Genreszene wird dagegen Schuberts „Hirt auf dem Felsen“, ländlich-sittlich mit lieblichen Echoeffekten das Hochgebirgs-Lamento, fulminant das Finale im Spielopernstil – drei Engel für Franzl.

KLASSIK

Eine Hand breit

über dem Boden

Reiseleiter in das Universum musikalischer Leichtigkeit zu sein, ist ein hartes Stück Arbeit. Erfolgreich kann hier nur agieren, wer unerschütterlichen Charme mit endlosem Atem und größtem Wissen verbindet. Es gibt leichtere Jobs, als hochgerüsteten Symphonieorchestern in nur wenigen Proben den Esprit französischer Barockmusik zu vermitteln. Deshalb ist ein großes Glück, wenn Dirigenten ihre auf sie zugeschnittenen Ensembles Alter Musik auch einmal verlassen und jenseits dieser comfort zone für die Musik werben, die ihnen am Herzen liegt. William Christie hat im Tanzschritt bereits die Berliner Philharmoniker erobert – jetzt erlag das Deutsche Symphonie-Orchester in der Philharmonie der anmutigen Entschlossenheit von Emmanuelle Haïm . Die Cembalistin und Orchesterleiterin wählte Orchestersuiten aus den ersten beiden Opern von Jean-Philippe Rameau für ihr Debüt aus. Musik, die, durch unzählige Tänze und Märsche gewirbelt, immer eine Hand breit über dem Boden schwebt. Dass Haïms Werben um die Musiker des DSO erhört wurde, spürte man vom ersten Takt an. Lichter Streicherklang, animierte Bläsersolisten, draufgängerische Schlagwerker. Und in all dem Pulsen eine Ahnung von Schwerelosigkeit. Merci beaucoup! Ulrich Amling

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