Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Tewinkel

KLASSIK

Sonderbares

Klangreich

András Schiff spielt im philharmonischen Kammermusiksaal den zweiten Schub seines Beethoven-Zyklus. Um den ungarischen Pianisten herum sitzt eine Hörgemeinde, die nichts dabei findet, dass das Genre „Klavierabend“ nochmals eingekocht wird: neulich, im Januar, nur Beethoven-Sonaten. Heute Abend wieder nur Beethoven-Sonaten. Abermals ist der Saal ausverkauft, und wieder sieht man Schiff gewandt auftreten, im Dreiteiler mit Uhrenkette, am Klavier sitzend fast wie ein Kind, ein wenig zu tief, die Finger drücken die Tasten nieder, anstatt sie von oben mit mächtigem Arme anzuschlagen. Sein Ton aber ist gläsern, ja stählern, und: Schiff zaubert nicht. Er zieht das Publikum nicht gegen dessen Willen in den Bann. Dem sattsam bekannten Repertoire stellt er sich, indem er es vorführt und ausbuchstabiert und zu gleicher Zeit immer wieder unversehens hineinhuscht und von innen heraus spricht. Ausgerechnet in den schnellen Sätzen der Sonaten op. 10 und der „Pathétique“ blitzt hie und da Intimität, Verträumt-Romantisches auf, mitten im Prestissimo der fünften Sonate etwa; beim zierlich genommenen Anfang der F-Dur-Sonate; im heimlich anhebenden Rondo der „Pathétique“, das Schiff am Ende ebenso verlässt wie die anderen Finalsätze auch, lakonisch, mit fein gesetztem Fragezeichen. Das Adagio der „Pathétique“ dagegen? Rastlos, stetig pochend, eine Einladung zu angestrengter Aufmerksamkeit, keine zum „Verweile doch, du bist so schön“. Der Glanzpunkt des Abends, in dem Distanz und Identifikation eine perfekte Allianz eingehen, bleibt das „Largo e mesto“ der siebten Sonate, ein fremdes, sonderbares Klangreich.

ARCHITEKTUR

Abgerissener

Fortschritt

Strom aus fossilen Brennstoffen ist ins Gerede gekommen. Und mit ihm ein Wachstumswille, dem Kohlekraftwerke als High-End-Technologie gelten. Zu den fossilen Fortschrittsjüngern gehörte Werner Issel . Der 1884 geborene Architekt hat neben unspektakulären Einfamilienhäusern fast nur Kraftwerke und Industrieanlagen gebaut. Die dienten zuweilen zwar der Rüstungsindustrie, sind jedoch fast immer architektonisch spektakulär gestaltet. Eine Ausstellung im Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin macht nun mit seinem Lebenswerk bekannt (Straße des 17. Juni 150, bis 15. April). Issel war in seiner besten Zeit ein Berliner. Berlin genoss zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Ruf einer „Elektropolis“. Ab 1906 arbeitete Issel in der Bauabteilung der AEG, jenes Berliner Elektrokonzerns, der ab 1907 dank Architektenkollege Peter Behrens zum Flaggschiff moderner Industriekultur aufsteigen konnte. Issel war, anders als Behrens, kein Avantgardist, sondern ein Architekt, der „nur“ auf der Höhe seiner Zeit entwarf. Mit dem 1925/26 errichteten Kraftwerk Klingenberg in Rummelsburg, damals das leistungsstärkste Europas, lieferte er sein Meisterstück. Noch heute produziert Vattenfall hinter Issels kraftvollen Backsteinfassaden Fernwärme für hunderttausende Berliner. Andere Anlagen sind längst vom Netz gegangen und warten auf Abriss oder Umnutzung. In Cottbus wird derzeit ein Issel-Kraftwerk zum Kunstmuseum umgebaut. Von der Kohle zur Kunst – nicht die schlechteste Transformation. Michael Zajonz

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DENKMALPFLEGE

Intakte

Geschichte

Als der Krieg zu Ende war, lag alles in Trümmern. Die Fassaden leere Hüllen, sämtliche Deckengewölbe eingestürzt. Wandmalereien, Skulpturenschmuck, von der Innenausstattung ganz zu schweigen: alles verloren. Wovon die Rede ist? Nein, nicht vom Berliner Schloss, das kam weit besser durch den Bombenkrieg. Die Münchner Residenz ist es, die bei Kriegsende nur mehr ein Trümmerfeld bildete. Zu sehen ist davon heute nichts mehr. 60 Jahre Wiederaufbau haben dem Zentrum der Wittelsbacher seinen Rang als einem der bedeutendsten deutschen Bauensembles zurückgegeben. Erst vor dreieinhalb Jahren wurden die Restaurierungsarbeiten mit der neu gewölbten, doch roh belassenen Allerheiligenhofkirche im Wesentlichen abgeschlossen. Heute gehören Räumlichkeiten wie das Cuvilliéstheater, das Antiquarium oder der Kaisersaal zum festen Bestand der Kunstdenkmäler – und sind doch Rekonstruktionen in bewundernswerter Detailtreue. Umgerechnet 210 Millionen Euro hat Bayern über die Jahre hinweg investiert; eine Leistung, die, müsste sie heute angesetzt werden, leicht mit der Kostenschätzung für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses konkurrieren könnte. So kann der Prachtband „Die Münchner Residenz. Geschichte, Zerstörung, Wiederaufbau“ (Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern 2006, 304 S., 49,80 €) nur allen ans Herz gelegt werden, die an der Möglichkeit denkmalpflegerisch korrekten Wiederaufbaus zweifeln: Es geht nämlich doch. Es geht so vorzüglich, dass die Münchner Residenz heute wieder in aller Pracht ihrer Renaissance- und Rokokoräume leuchtet – und wenn die Wiederherstellung etwa des zauberhaften, vorzimmerkleinen Miniaturenkabinetts 16 Jahre in Anspruch nahm. Man muss nur wollen. Bayern wollte. Das Geschichtsbewusstsein des Landes blieb stets intakt. Und die Touristen bestaunen das herrliche Antiquarium von 1571 als einen der schönsten Renaissanceräume, als hätte er nie auch nur einen Kratzer erhalten. Bernhard Schulz

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