Kultur : KURZ & KRITISCH

Sebastian Gierke

ROCK

Wenn Männer

verführen

Als sie die Bühne betreten, wirken die fünf noch unscheinbar. Fünf Kumpel auf dem Weg ins Pub, Working-Class. Doch dann gehen die roten Scheinwerfer an und schon mit dem ersten angeschlagenen Akkord ist eine außergewöhnlich vollständige Metamorphose vollendet. Der wuchtige Zusammenklang verwandelt die fünf in sexy Rock’n’Roll-Typen, in glamouröse Lichtgestalten, umgeben vom rot-gleißenden Heiligenschein des Pop. Kasabian aus Leicester, England: herrlich-größenwahnsinnig.

Kasabian sind Stars in ihrer Heimat, und der Abend im Kesselhaus lässt keinen Zweifel daran, dass sie diesen Status auch hierzulande bald erreichen. Die Band entwickelt live eine stimulierende und zugleich narkotische Kraft. Der energetische Mittelpunkt ist Sänger Tom Meighan, der die ganz große Rockpose virtuos beherrscht. Breitbeinig, stampfend, tobend, meist mit fordernd ausgestreckten Armen, gibt er den Impresario.

Das Konzert weckt Erinnerungen an die musikalische Aufbruchstimmung Anfang der Neunziger, als Primal Scream oder die Happy Mondays schon einmal einen aufregenden Hybrid aus Rock und Rave schufen: Psychedelische Gitarrenriffs treffen auf hypnotische Beats. Die elektronischen Elemente treten im Konzert jedoch in den Hintergrund; die Songs klingen massiger, grooviger, auch dreckiger als auf den zwei Alben des Quintetts. Eine flirrende, laszive Erotik, die an Michael Winterbottoms Pop-Liebesfilm „9 Songs“ erinnert. Kasabian ergründen die Ästhetik des Exzesses – und sind unwiderstehlich dabei.

KLASSIK

Wenn Herzen

heimkehren

„Italia mia“ lautet das Motto: In diesen Tagen feiert die Kunstgattung Oper, als deren erster Stern Monteverdis „Orfeo“ leuchtet, ihren 400. Geburtstag. Italien im Glück. Da die Berliner Philharmoniker gerne Gäste einladen, konnte nichts Trefflicheres zu dem Termin gefunden werden als ein Spezialistenteam mit Reminiszenzen an jene Zeit des Aufbruchs: Le Point du Jour spielen zum ersten Mal unter diesem Namen zusammen. Tagesanbruch: Sechs Instrumentalisten, geleitet von Jory Vinikour am Cembalo, angeführt von Barockgeigerin Eliza beth Blumenstock . Aus der Sparsamkeit des Vibratos, das hier in historischer Aufführungspraxis nicht Hilfsmittel der Tongebung, sondern seltene Verzierung ist, zaubert sie bezwingenden Klang hervor.

Der Countertenor David Daniels setzt dem Ensemble die Krone auf. Er ist es, der die Kenner in den Kammermusiksaal gelockt hat und am Ende seine CDs signiert. Eine fließende Altstimme, ohne Anstrengung, als sei es die natürlichste Stimmlage für Männer! Dabei ist der Gesang allen Ausdrucks mächtig: Wenn der Passionston dominiert, die verwundete Seele klagt, die Seufzer auf dem Ton crescendieren und sich verlieren, dann erfüllt sich der Affekt des Schmerzes in der Musik – bei Frescobaldi oder Alessandro Scarlatti. Affektwechsel im Instrumentalstück wie in der Motette und Opernszene. Beispielhaft ein Monteverdi-Monolog des Ottone: O wie freudig hüpft das Herz des heimkehrenden Mannes! Bis er feststellen muss, dass Poppea, die Königin seiner Liebe, einen anderen liebt: den römischen Kaiser. Sybill Mahlke

KLASSIK

Wenn Laute

zischen

„Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten“ ist das A und O des auf Freud gestützten psychoanalytischen Vorgangs, zugleich aber auch jeder durchstrukturierten Musik. Wer anders als Dieter Schnebel könnte dies von der Couch in den Konzertsaal holen: Schon vor Jahren befasste sich der Komponist, in seiner Vorliebe für experimentelle Kreativität John Cage vergleichbar, mit Kammermusik namens „Psycho-Logia“. Spontanes und Strukturiertes charakterisiert auch das gleichnamige Streichquartett, dessen zwei erste Sätze das Kairos-Quartett im Werner-Otto-Saal zur Uraufführung bringt. Was die Musiker an rudimentären, quasi frei assoziierten Floskeln („da fällt mir ein – na ja – soso“) zu sprechen haben, verdichtet sich mit sanfter Melodik und herb dreinfahrenden Dissonanzen ebenso zur Albtraum-Szenerie, wie es das eigene Spiel vergnüglich kommentiert.

„Verlautungen“ nennt das unermüdlich nach neuen Wegen suchende Quartett sein Programm, mit dem es an seine Reihe „Fünf Fenster“ vor fünf Jahren anknüpft. Dabei geht es nicht nur um den „Laut“ als Essenz von Musik und Sprache, kulminierend in der Komposition „Die rauhen Lautflecken“ des russischen Autors, Performers und Stimmkünstlers Valeri Scherstjanoi, der ein Feuerwerk zischender, knackender, gurgelnder Laute abbrennt. Es geht auch um Alltagserleben, etwa wenn Schnebel in seinen „Museumsstücken II“ Thermoskannen, Sahneschläger und quietschende Pappkartons auf ihre Klangqualitäten befragt. Kompositionen des 34-jährigen Sergej Newski setzen solcher Heiterkeit einen ernsten, komplexen Ausdruck entgegen. Dennoch: Er hätte nicht gedacht, dass Neue Musik so viel Spaß machen könne, meint ein Konzertbesucher in der anschließenden regen Publikumsdiskussion. Isabel Herzfeld

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