Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

ROCK

Mülltonnenblues,

Glasscherbenbad

In seiner langen Karriere bewies John Cale nicht immer ein glückliches Händchen bei der Auswahl seiner Begleitmusiker. Doch seine aktuelle Band ist vielleicht die beste, die er jemals hatte. Im Postbahnhof steigt der 64-jährige Waliser mit einer straffen Version von Jonathan Richmans „Pablo Picasso“ ein. Michael Jerome drischt mit Urgewalt und Uhrwerktiming auf sein Schlagzeug ein, Joseph Karnes spielt einen quirligen, knurrenden Bass und Dustin Boyer, Typ blonder Unschuldsengel, eine schmutzige, verzerrte Leadgitarre.

Das metallisch rockende, athletisch groovende Soundgewand legt sich wie eine zweite Haut um Cale-Klassiker wie „All Fall Down“ oder „Save Us“. Den Elvis-Hit „Heartbreak Hotel“, schon in Cales ursprünglicher Version eine Dekonstruktion, schreddern sie zum unfassbaren Mülltonnenblues, zum schmerzhaft schönen Glasscherbenbad. Cale wechselt von der Gitarre ans E-Piano, jagt seine Stimme durch Effektgeräte, wodurch er mal wie ein heiserer Höhlentroll, mal wie Daffy Duck auf Helium klingt. Man spürt, welchen Spaß der Altmeister mit seinen drei jungen Partnern hat, immer wieder huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Wann hat man ihn das letzte Mal so beseelt singen gehört? Auf kraftvoll eruptive 45 Minuten folgt ein Akustikset mit fantastischen Interpretationen von „Chinese Envoy“ und „Ship Of Fools“, traurigschöne Balladen mit hinreißenden Harmoniegesängen. Dann wird’s endgültig magisch: Dustin Boyer, der an diesem Abend ohnehin die gefühlten fünf aufregendsten Gitarrenexkurse der letzten Monate beisteuert, rast bei „Cable Hogue“ wie angestochen übers Griffbrett.

Cale schreit sich in Rage, es ist nicht mehr das manische Weltuntergangsschreien früherer Jahre, mehr ein Spiel mit den eigenen Möglichkeiten. Das Publikum erjubelt sich als Zugabe drei Geniestreiche: den alten Velvet-Underground-Heuler „Venus In Furs“, bei dem Cale zur elektrischen Viola greift, das in organisierte Kakofonie mündende „Fear Is A Man’s Best Friend“ und den Gospel-Blues „Chorale“. Nach zwei grandiosen Stunden gibt John Cale seinen Fans den gerührt klingenden Abschiedsgruß „I’ll remember you guys“ mit auf den Heimweg.

KLASSIK

Klangschachteln,

Melodiekeime

Wer nicht aus dem Vollen schöpfen kann, muss sich etwas einfallen lassen. Was dem Ensemble Oriol auch immer wieder gelingt. Denn das Streicherensemble kann zur Programmierung seiner Abonnementreihe im Kammermusiksaal der Philharmonie nur auf eine beschränkte Zahl von hochkarätigen Originalwerken zurückgreifen. Und nutzt deshalb gerne auch mal Bearbeitungen, wie die des Streichtrios von Alfred Schnittke. Das zweisätzige, Alban Berg gewidmete Stück verschachtelt auf strenge, gelegentlich fast priesterliche Weise wenige, dafür aber umso keimfähigere Melodiezellen.

Die Bearbeitung von Juri Baschmet fügt dem Stück keine wirklich neue Dimension hinzu, doch gleich zu Beginn ist es eine Freude, den geschlossenen Klang des Ensembles in aller Fülle zu erleben. Auch die überraschend aufbrausenden Ostinati in kunstvollen Dreiklangverschachtelungen gewinnen durch klangliche Opulenz. Die zweite Bearbeitung des Abends, Beethovens Kreutzer-Sonate als Fassung für Violine und Streichorchester von Richard Tognetti, geht viel weiter. Wo im Original Violine und Klavier als radikal getrennte Klangblöcke gegeneinander stehen, entsteht hier ein Dialog zwischen Solo- und Tuttistreichern, der Akzent verschiebt sich vom Gegen- zum Miteinander. Kolja Blacher genießt es sichtlich, seine Solopartie effektvoll zu inszenieren und als Leiter gleichzeitig Teil des Ensembles zu sein. Heftige Ovationen.

Ulrich Pollmann

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