Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

BALLETT

Schweben zum

Finale

Mit dem Ballettabend „2 For You“ ist dem HAU ein toller Coup gelungen. Auf Initiative der Dramaturgin Bettina Masuch haben sich das Staatsballett Berlin und das Dresden Semperoper Ballett für zwei Abende im Hebbel-Theater zusammengeschlossen. Es geht um den Pas de deux, der ja gewissermaßen die Quintessenz des klassisch-romantischen Balletts darstellt. Die beiden Spitzenensembles schicken ihre besten Solisten ins Rennen. Und doch wird hier keine Olympiade abgehalten – der Abend ist ein Fest der Tänzer. Das ausgelassene Publikum aber feierte die Stars aus beiden Compagnien mit gleicher Begeisterung.

Aaron Watkin hat in Dresden ein fantastisches Ensemble auf die Beine gestellt. Die Dresdner haben auch die wildere Mischung aus klassischem Schwebetraum und moderner Paar-Zerreißprobe zu bieten. Dmitry Semionov, von Elena Vostrotina als weißem Schwan umflattert, führt die Dresdner Riege an. Seine Schwester aber fehlt: Polina Semionova, Berliner Star von Malakhovs Truppe, hatte sich kurz vor der Premiere verletzt. Dafür kann man sich über ästhetische Wahlverwandtschaften freuen, etwa wenn Nadja Saidakova und Olga Melnikova die Flug- und Tauchbewegungen aus „Symphonie Nr. 2“ von Uwe Scholz in schönem Gleichklang tanzen. Der russische Kader dominiert in Berlin und Dresden, und die Super-Athleten aus dem Osten mit ihren stählernen Körpern sprengten fast die kleine Bühne des Hebbel-Theaters. Mit ihren perfekten Körper-Inszenierungen leisten die Balletttänzer einen spannenden Beitrag zum Thema „Cover“ des Berliner Context-Festivals, das mit „2 For You“ seinen finalen Höhepunkt erreicht. Neben den Meistern der Pose sehen so manch pseudointellektuelle Gruppen wie dämliche Poser aus.

POP

Fidelity zum

Frühstück

Zu stürmischem Jubel im ausverkauften Lido nimmt Regina Spektor im roten Rustikalkleid das Mikrofon, klopft mit dem Zeigefinger Rhythmus drauf: pock-pock- pock-pock, singt a-cappella. Sehr schön und kräftig aus dem großen, rotgemalten Mund. Die New Yorkerin setzt sich ans E-Piano, frontal, mit Blick aufs entzückte Publikum. Ihr „favorite German word“ sei Froostook, sagt sie, grinst und singt „Summer In The City“ vom neuen Album „Begin To Hope“. „But please!“ die Leute mögen doch aufhören mit der Fotografiererei, ganz nervös mache sie das Geblitze. Sie macht ein paar lustige Posen, auf dass man sie schnell nochmal fotografiere. Mitten im Song bricht sie ab, zornig. Einige blitzen immer noch statt zuzuhören. „Could you stop that!“ Regina muss sich konzentrieren auf ihre Musik. Ihre eklektische Mischung aus bildungsmusikalischen Versatzstücken – jahrelang hatte sie klassisches Klavier studiert – mit Jazz, Pop, Folk und Rock. Und Reminiszenzen an die Volksmusik Russlands, dem Land, in dem sie geboren und bis zum neunten Lebensjahr aufgewachsen ist. Manchmal hört man in Pianotrillern das Tremolo einer Balalaika, dann wieder in Akkordfolgen Anklänge an Tom Waits, ein bisschen Chopin, ausgeklügelte Melodien, Taktwechsel innerhalb eines Liedes, Joni Mitchell und Rickie Lee Jones. Auch ihr dynamischer Gesang, den sie mit rhythmischen Kieksern, Rülpsern, Gurglern ornamentiert, erinnert an die großen Vorbilder, wenn auch der begabten 27-Jährigen noch deren Tiefe, Reife und Altersweisheit fehlen. Und sie manchmal dem gekünstelten Manierismus einer Tori Amos gefährlich nah kommt. Schließlich, begleitet von Gitarre, Bass und Schlagzeug, rockt es heftig. „Fidelity“, der große Hit. Regina Spektor könnte noch eine Menge vor sich haben. H. P. Daniels

KUNST

Novalis

zur Nacht

Auch große Bildhauer haben klein angefangen. Oder kleinformatig, wie Georg Kolbe (1877 – 1947) mit einer frühen Serie von Zeichnungen. Seine „Hymnen an die Nacht“ sind Paraphrasen auf den berühmten Gedichtzyklus von Novalis. Dazu Goethes „Faust“, Wagners „Parsifal“, ein gemeuchelter Schwan und ein dekorativ entschlafenes Liebespaar. Zum 130. Geburtstag des Künstlers holt das Georg- Kolbe-Museum dessen Frühwerk ans Licht, das bisher im Schatten seines plastischen Schaffens gestanden hatte (bis 3. Juni, Sensburger Allee 25, Di – So 10 - 17 Uhr). Beleuchtet werden die Jahre seines Malereistudiums in Dresden, München und Paris und sein anschließender Aufenthalt in Rom 1898 bis 1901. Hier fängt Kolbe eher zufällig zu modellieren an. Die lockigen Jünglinge „Francesco“, „Giovanni“ und „Antonio“ erinnern daran. Ansonsten dominieren Feder, Pinsel, Druckerpresse. Im Zentrum steht der in zarten Aquarelltönen gehaltene „Hymnen“-Zyklus. Gedichttext und Bild sind gleichrangig behandelt; Novalis’ suggestive Sprachbilder fängt Kolbe mit einem Netz feiner Striche ein. Schöne Körper wiegen sich da im antikisierenden Tanz, fliegen durch den Äther, liegen todtraurig hingestreckt. Und Jesus steigt vom Kreuz herab, auf dem hoffnungsseligen letzten der 28 Blätter. Geprägt ist das Nachtstück vom Symbolismus und Kolbes Vorbild Max Klinger – dem das Kolbe-Museum übrigens ab Juni eine Schau widmen wird. Jens Hinrichsen

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