Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Hagedorn

KLASSIK

Ein Orchester

wird allein gelassen

Vor der Uraufführung seiner eigenen Sinfonie verließ der Dirigent das Podium. Das Deutsche Symphonie Orchester Berlin musste ohne ihn klarkommen, und so war das auch gedacht. Die 150. (!) Sinfonie des Finnen Leif Segerstam ist ein selbstregelndes System mit Zufallsgeneratoren. „Oh Five Only…“ heißt sie nach den fünf Buchstaben, die als Wegweiser in der Partitur stehen, zum Beispiel nach dem heuschreckenhaft aggressiven Gewischel der Streicher in höchster Lage. Da erhebt sich der Konzertmeister und mit ihm eine Garde von Blechbläsern. Die repetieren brünstig einen Ton, und alsbald entwickeln sich wieder Materialschichten – Klangbänder, Staccatofolgen, Verdichtungen. In denen finden sich die Hörer auch ohne Buchstaben bequem zurecht. Segerstam hat nämlich ein Grundvokabular festgelegt, das der Romantik viel näher ist als etwa dem Zufallsaltmeister John Cage. Der Finne mit dem Brahmsbart mag zarathustrische Fanfaren, breite Streichertreppen, macht inflationär Gebrauch vom Holzhammer aus Mahlers Sechster und am Ende einen guten Witz. Das Ganze dauert nicht länger als eine Haydn-Sinfonie; dass es länger hält, ist zu bezweifeln. Gelassen, an atmender Vitalität mehr als an Detailschärfe interessiert, dirigierte der 67-Jährige anschließend den „Don Quixote“ von Richard Strauss als großes Kino und zeigte die Fünfte des Dänen Carl Nielsen als modernstes Werk: Wie die Tektonik die Harmonik zerreißt – das ist radikal.

POP

Ein Duo weiß,

woher die Helden kommen

Wenn Chris & Carla mit ihrer Band, den Walkabouts aus Seattle, auftreten, ist die Bühne mit unzähligen Instrumenten beladen. Heute, im Zapata stehen da nur zwei Gitarren, ein Fender „Twin“-Verstärker, zwei Mikrofone, zwei Stühle. Da sitzen sie entspannt, sehen sich an, nicken sich Einsätze und Akkordwechsel zu. Chris Eckman in schwarzem Hemd und dunkler Hose. Carla Torgerson im langen, dunklen Rock und schwarzem Spaghettiträgertop. Zu Beginn „Acetylene“ vom letzten Walkabouts-Album. Die elektrisierend krachende Lärmnummer abgerüstet zum ruhigen Acoustic-Song. Mit Carlas ungekünstelter Folk/Country- Stimme. Chris singt „The Stopping-Off Place“ ganz dicht am Mikrofon, mit tiefem Bariton. Zwischen Flüstern und Knurren. Und, ach ja, sie hätten auf dem Flohmarkt dieses Casio-Mini-Keyboard gekauft, für acht Euro. Und sie entschuldigen sich, dass der Eintritt zum Konzert mehr gekostet habe als ihr Keyboard. Vom neuen Album „Fly High Brave Dreamers“ singt Chris eine melancholische Ballade, und Carla plockt auf dem Acht-Euro-Casio, dessen Klang vage an Marimbas erinnert. Dann spielt sie wieder Schrubbelgitarre, singt selbst. Der Eisendrachen über dem Tresen spuckt Feuer. Auch die Fans sind hingerissen von den Songs über Tod und Teufel, den poetischen Bildern von dunkler Bedrohung und zerstörerischer Liebe. Es endet mit Bowies „Heroes“. H.P. Daniels

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