Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Mit der Farbe

für die Seele

Die Aufführung von Arnold Schönbergs Gurre-Liedern ist eine utopische Angelegenheit. Einerseits emanzipiert sich in ihnen die Farbe des Klangs zum psychologischen Zentrum des Geschehens, andererseits schwillt der Apparat, der diese Seelenmusik hervorbringen soll, ins Gigantische an. Hundertschaften von Musikern beugen sich über feinste Nervenstränge, die sich in einer 48-stimmigen Riesenpartitur verbergen. Damit man überhaupt noch etwas heraushört, bevor die Ohren im finalen C-Dur-Orkan endgültig zuklappen, muss der Dirigent den ganzen Abend quasi mit gedrückter Loudness- Taste spielen lassen. Sie hebt bei geringer Dynamik die für das Gehör unterrepräsentierten Tonlagen an, sorgt für ein lebhaftes Klangbild ohne brüllendes Übersteuern. Genau die richtige Technik für einen unbeirrbaren Orchestererzieher wie Marek Janowski . Um die Gurre- Lieder in originaler Orchesterbesetzung aufführen zu können, hat er seine Musiker von Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und Orchestre Philharmonique de Monte Carlo zusammengespannt. Jedes Pult ist gemischt besetzt, der Probenaufwand scheint unvorstellbar. Mit diesem Mammutaufgebot hat Janowski bereits Berlioz’ „Grande Messe des Morts“ aufgeführt, im Berliner Dom, wo Klangschwaden besonders morbide umhergeistern. In der Philharmonie besticht zunächst seine klare, keineswegs schwüle Auffassung der Gurre-Lieder. Herrliche Details schimmern auf wie Gold auf dem Grund eines tiefen Brunnens. Doch im Zusammentreffen mit den Sängern wird es heikel. Hätten man die Lautstärke da nicht noch weiter abblenden können? Oder Stephen Gould irgendwie dazu veranlassen können, dem liebenden, verzweifelten, lästernden König Waldemar etwas Farbe, also Psychologie, zu schenken? Je mehr der Abend voranschreitet, desto mehr bleicht der Dynamik-Gilb die Farben. Und Schönbergs Partitur bleibt absolut unerhört.

NEUE MUSIK

Mit geballten Fäusten

gegen die Zeit

Präsident Kabila ist schuld! Verstrickt in einen blutigen Machtkampf, hat er nun auch dafür gesorgt, dass das Kalimba-Orchester Konono No.1 nicht rechtzeitig aus Kinshasa ausreisen konnte, um im Haus der Kulturen der Welt aufzutreten, das sich wie der Kongo im tiefgreifenden Umbau befindet, auch wenn es hier weitaus friedlicher zugeht. Im vierten Teil seiner „Baustellen“-Reihe wendet sich das Haus dem Phänomen der Zeitwahrnehmung in der Musik zu und hat ein höchst anspruchsvollen Programm zusammengestellt. Los gings bereits am Nachmittag mit dem Trio Nexus und der Aufführung des vierstündigen Morton-Feldman-Stückes „For Philip Guston“, das besonders vor dem Hintergrund vorbeifahrender Ausflugsschiffe und S-Bahn-Züge zu einem transzendentalen Ereignis wurde, bevor der japanische Soundtüftler Toshimaru Nakamura mit einem Mischpult haarscharf am Nichts vorbeisägende Sinuskurven erzeugt und das amerikanisch-chinesische Duo FM3 zwischen Drogenrock und Buddha-Lounge einen hermetischen Raum zum Wegdriften aufklappt. Zumindest war das Publikum bestens eingestimmt für den Auftritt des australischen Trios The Necks , das seine Musik zwischen Minimal-Music und Power-Jazz zerfließen lässt. Angetrieben durch den famosen Tony Buck, dessen Schlagzeug wie ein Sack Klapperschlangen rattert und zischt, formt Chris Abrahams ausdauernde Ostinato-Muster und bringt den Flügel mit geballten Fäusten zum Beben. Derweil passt Lloyd Swanton am Kontrabass auf, dass nichts davonfliegt. Dabei heben die Musiker das einmal beschworene Thema mittels erprobter Schleusentechnik so nachdrücklich die Treppchen hoch, das man gar nicht überrascht ist, wenn nach einer Stunde Spielzeit alles in grandiosem Lärm aufglüht. Bleiben zwei Fragen: Wer hat an der Uhr gedreht? Ist es auch für Kabila zu spät? Volker Lüke

FILMMUSIK

Mit Paul und Paula

in die Heimat

Ein Konzertabend zum deutschen Heimatfilm? Eigentlich nur als Nostalgie oder Trash denkbar, gewürzt mit pflichtschuldigen Anmerkungen zur dunklen Zeit zwischen 1933 und 1945... Die Europäische Filmphilharmonie beweist, dass es auch anders geht. Sie veranstaltete mit dem Filmorchester Babelsberg sowie mit Regisseur und Librettist Peter Lund im Admiralspalast einen Abend unter dem Titel „Grün ist die Heimat. Aber wie klingt Grün?“ – wobei man sich nicht auf singende Wälder beschränkte. Man bezog statt dessen Filme ein, die sich wie Breloers „Die Manns“ mit kollektiven Heimatgefühlen auseinandersetzten oder sie wie „Die Legende von Paul und Paula“ und „Winnetou“ sogar stifteten. Peter Lund gelang das Kunststück, mit Dialogen, die fast ausschließlich aus zeitgenössischen Zitaten bestanden, lebendige Bühnenfiguren zu schaffen. Diese zerrten die Zuschauer in ein extremes Wechselbad der Heimatgefühle. Da nervte ein sympathisch idealistischer Komponist seine Umgebung mit Adorno-Zitaten und rührte die erfrischend naive Schauspielerin hinterrücks mit einem Lied aus einem Veit-Harlan-Film.

Noch häufiger hätte der Abend seine dritte Stärke ausspielen können, nämlich die Verbindung zum Bild. Während Enjott Schneiders süßliche Musik zum Film „Die Flucht“ aus ihrer konzertanten Uraufführung beschädigt hervorging, wurde Georg Haentzschels „Münchhausen“- Sound von 1943, gespielt zu Flugzeugaufnahmen vom zerstörten Berlin, zum eindrücklichen Erlebnis. Die Kunst bei der Filmmusik ist eben auch das, was man auf sie projiziert. Carsten Niemann

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