Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Tewinkel

KLASSIK

Vom

Aufersteh’n

Pierre Boulez ist zu klug, zu souverän und zu alt, um zu schwitzen. Oder noch immer zu jung? Gustav Mahlers Zweite von 1894 auf jeden Fall, die „Auferstehungssymphonie“, dirigiert der 82-Jährige am zweiten Abend der Staatsopern-Festtage mal eben so weg. Es klappert zwar in der Staatskapelle, gleich in den Flucht-nach- vorn-artig verhetzten Bass-Gesten des Anfangs. Erwartbar nur, dass Kraft und Gewalt, die hier bereits in den ersten Sekunden hochkochen, nicht durchgängig beibehalten werden können. Aber sie werden in der Philharmonie immer wieder präsent – ohne dass man sich daran verlöre. Im Gegenteil: Petra Langs würdevoll breitem Alt wäre fast etwas mehr Leben zu wünschen, und auch der Staatsopernchor, der im letzten Satz ein wenig orientierungsfrei in seinen Einsatz hineinschlittert, dürfte weniger bauchig und beweglicher klingen, so eben, wie es dem verzweifelt siegessicheren Gleißen des „Aufersteh’n, ja aufersteh’n wirst du“ zu Gesicht stünde.

Und doch wird es ein großer Abend. Die Celli singen ins Andante hinein, als wär’s eine einzige Flöte aus Gold. Der dritte Satz, Wiederaufnahme des Mahlerschen Fischpredigt-Liedes, verweigert alles Klosterbruderheitere. Und unter Boulez’ Kontrolle wird das stetig neue Kreisen dieses Scherzos zur latent aggressiven Antizipation: von Krach und Zerbersten im übernächsten Satz, von einem Finale also, das Destruktivität exponiert, um trotzdem endlich beim Auferstehungsglauben zu landen. Dorothea Röschmann setzt einen herrlich leuchtenden Sopran über die Vielstimmigkeit dieses Schlusses, den vier Posaunen plus Tuba gelingt ein unerhört vollkommener Choral-Einsatz.

ARCHITEKTUR

Morgen

Pforzheim

Pforzheim gehört nicht gerade zu jenen Städten, die als Architekturzentren gelten. Und doch: Gerade von der vermeintlichen Provinz gehen derzeit Impulse aus, die die Baukunst in den großen Städte beflügeln. So auch bei dem Pforzheimer Architekten Peter W. Schmidt , der in den letzten Jahren ein bemerkenswertes Œuvre verwirklicht hat. Ob Sparkasse, Bürogebäude oder Wohnhaus, seine Projekte überzeugen in Detail und Großform. Anhand kleinformatiger Bronzemodelle seiner Bauten ermöglicht er nun im Werkraum der Architektur Galerie Berlin (Karl-Marx-Allee 96, bis 28.4.) den Besuchern eine optische und haptische Annäherung an sein Werk. Die Bronzemodelle stehen dabei für die (Hoch)-Wertigkeit, die Schmidt jedem einzelnen Projekt beimisst. Passend zur traditionsreichen Schmuckstadt Pforzheim entstehen so baukünstlerische präzise Preziosen, die sich als gebaute Architektur freilich völlig unprätentiös in den Stadtraum einfügen. Wie das funktioniert, zeigt seine schöne Kita im Schweizer-Viertel in Lichterfelde. Verkleidet mit einer honigwarmen Holzfassade, bietet sie den Kindern lichte Spiel- und Aufenthaltsräume und sogar einen doppelgeschossigen Mehrzweckraum. Und auch die Gartenanlage mit Buchsbaum-Labyrinth und Hügeln zum Runterkugeln schafft einen klaren Rahmen für vielfältige Nutzung. Solch Pforzheimer Input stärkt die Spreemetropole mehr, als es manch internationales Starensemble vermag. Jürgen Tietz

ROCK

Unter

Biestern

Mag sein, dass es zu viel verlangt ist, aus einem Kreuzberger Kellerstudio heraus die Rockwelt verändern zu wollen. Ein gutes Album ist auch schon was. „Reporting a Mirage“ ist ein solches. Das zweite Werk von Gods of Blitz , das wie das fetzige Debüt vor anderthalb Jahren bei dem Hip-Hop- und Soul-Label Four Music erschienen ist, wartet mit gediegenem Songwriting auf. Die Lieder der Berliner Band ufern nicht aus, haben ein klares Ziel und erreichen es auf kürzestem Weg. Straight Rock ist das, von zwei furiosen E-Gitarristen durch kantige Riff- Landschaften gepeitscht. Über die hölzernen Texte und die ungelenke Art, wie Sänger und Bassist Sebastian Barusta Gäbel sie vorträgt, würde man gerne hinweghören. Allein, sie sind der Schlüssel zum Verständnis dieser Platte, die vom „New Wave Wipe-out“ erzählt und vom Schicksal des Rockmusikers, sich als „Biest auf der Saite“ und „lebender Köder“ zu fühlen, der nur immer wieder dieselben kopierten Gefühle reproduziert. „Ist das das Leben, das du nie gehabt hast?“, heißt es einmal. Die Antwort, die ja die Musik selbst geben müsste, bleibt Gods of Blitz schuldig. Es ist ein Jammer. Da sind die vier Arbeitstiere so furchtbar ökonomisch in allem, was sie tun, haben einen Sinn für laute Melodien und prägnante, mitreißende Refrains, aber am Ende kommt nur das übliche, gezähmte Rock’n’Roll-Gesäge heraus. Warum Rockmusiker werden, wenn etwas von dem Biest, als das man sich fühlt, nicht raus darf? Kai Müller

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