Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Gesättigt,

edel

Alles ist Marsch. Schwungvoll. Immer dasselbe feurige Marschtempo, ohne zu eilen: Eine Vortragsbezeichnung, die sich in dem gigantischen Kopfsatz der dritten Symphonie Gustav Mahlers wiederholt. Aber bei der Interpretation von Pierre Bou lez , der in der Philharmonie anlässlich des Mahler-Zyklus vor der gloriosen Staatskapelle Berlin steht, muss zugleich bewundernd gesagt werden: Alles ist Differenzierung. Der Dirigent tritt dafür ein, dass der Marschmusikcharakter seine grellen Kontraste, Feinheiten, Verfremdungen und Wunder auftut. Gerade dieser antikriegerische Marschtypus hat die Neue Wiener Schule erobert.

Beiden Dirigenten dieser Festtage, Daniel Barenboim und Pierre Boulez, sind die Geheimnisse des Mahler’schen Melodiebaus vertraut. Aus dem Wesen des Franzosen kommt ein genuines Durchleuchten der schwirrenden Polyphonie hinzu, der inneren Konstruktion, während der Bogen des Riesensatzes über 100 Partiturseiten hin trägt. Der Avantgarde-Komponist Boulez insistiert darauf, dass keine Note verloren geht. Und doch gibt es den beinahe mystischen Moment des Schweigens, worauf pianissimo die Posaune singt. Nach dieser Konzentration scheinen die Posthorn- und Vokaleinschübe (formidabel besetzt mit Michelle DeYoung, Staatsopernchor und Aurelius-Knaben) eher episodisch matt.

Gesättigten, edlen Ton erhält die Apotheose, großartige Ruhe vor dem Jubelsturm des Publikums. Bei solchen Konzerten werden, auch nach der Mahler-Renaissance, Gedanken über die Wirkung von Musikkritik wach. 1911 heißt es in einem Nachruf auf den großen Dirigenten Mahler: „Seine Kompositionen, die er sich mit zähem Fleiße abgerungen hat, werden dem folgen, was sterblich an ihm ist.“ Wir haben es heute leicht, die damals sehr verbreitete Geringschätzung abzutun. Beobachtet man aber die liebevolle Schärfe, mit der Boulez Mahlers Musik ehrt, so könnte sich die Freude mit Tränen mischen.

POP

Geschmackvoll,

elektrisch

In der vollbesetzten Passionskirche rockt die Band locker an. Klarer durchsichtiger Klang von Schlagzeug, Bass, Tasten. Und vom langen Lars Halapi: hohe Stirn, Nase, Gitarre. Da kommt auch schon die schöne Sophie Zelmani , in langem, scharlachrotem Theaterkleid, mit einer kleinen Tätowierung auf der Schulter. Geht ganz dicht ans Mikrofon und singt „Travellin“ vom gerade erschienenen sechsten Album „Memory Loves You“. Mit melancholisch fragiler und doch entschiedener Stimme. Die schwedische Songwriterin hängt sich eine dunkelrote Telecaster um, deren Farbe nicht ganz zum Kleid passt, dafür umso mehr zum dichten Sound ihrer vorzüglichen Band. Zur elektrischen Gretsch des exzellenten Halapi, der sonst die meiste Zeit eine Martin- Akustikgitarre spielt: geschmackvolle Fills, zurückhaltende Melodien, rhythmische Synkopierungen à la Ry Cooder, rasant dynamische Solos. Mit dem Stock- und-Besen-Drummer Peter Korhonen und dem felsenfesten Rickenbacker-Bassisten Thomas Axelsson im Rücken sowie der wohldosierten Klavier/Orgel- Kombination von Robert Qwarforth zur Seite kann sich die scheue Sophie jederzeit blind auf ihre exquisiten Musiker verlassen. Immer wieder hört man in der wohltemperierten Mischung aus Folk, Pop, Jazz und Country die deutliche Vorliebe der 35-jährigen Songwriterin für den 65-jährigen Dylan. Dann klingt die Frau im langen roten Kleid wie „The man in the long black coat“. H.P. Daniels

KUNST

Verträumt,

exotisch

Der Ausstellungstitel klingt nach Reiseprospekt: Traumzeit Australia . Kein Wunder, dahinter steckt die staatliche Tourismusorganisation. Von Zeitreisen erzählen die Bilder. In Ritualen finden die australischen Ureinwohner in die Schöpfungszeit ihrer Religion zurück. Die Aborigines nennen sie „Dreamtime“ – und malen „Dreamings“, die davon künden ( Art Center Friedrichstraße 134, bis 31.4., Mo–So 11–21 Uhr). Die Verlockung ist groß, die „abstrakten“ Kreise, Mäander und Spiralen der Aborigine-Kunst im Sinn europäischer Künstler wie Joan Miró oder A. R. Penck zu lesen. Indes enthalten diese Bilder ein Wissen, das seit Jahrtausenden überliefert wird. In neueren, für den Kunstmarkt bestimmten Werken wird das Geheimwissen durch Verschlüsselung geschützt.

In der Nähe von Alice Springs setzte Mick Namarari Tjapaltjarri 1971 mit einem Acrylbild auf Leinwand die moderne Malbewegung in Gang. Neben seinen Arbeiten wird auch die Kunst von Emily Kame Kngwarreye präsentiert. Ihre gestische Malerei erzielt hohe Preise bei Sotheby’s. Ihr Malerkollege Paddy Japaljarri Sims tupft die Milchstraße auf große Leinwände. „Meine Art zu träumen“, erklärt er im Filmporträt „Singing the Milky Way“, das neben Fotodokumenten die informative Schau ergänzt. In Berlin hängen seine kleinen Verkaufsformate, zusammen mit Bildern von über 75 Künstlern. Da wird vieles – und qualitativ Unterschiedliches – in einen Topf geworfen. Label drauf: „Aboriginal Art“. Die Hängung scheint eine Reisebürofachkraft zu verantworten. Jens Hinrichsen

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