Kultur : KURZ & KRITISCH

Kai Müller

POP

Wenn Butter

ranzig wird

Als James Mercer auf die Bühne schlendert, könnte er direkt aus einer Bibliothek kommen: hellblaues Oberhemd, dunkler Schlips und Jeans sowie ein gestutzter Vollbart, der dem Sänger und Mastermind von The Shins das Aussehen eines Privatdozenten gibt. Aber dann bleibt der Mann, der mit seinen wortreichen und lyrisch anspruchsvollen Popsongs zu einem Fixstern der amerikanischen Indie-Kultur aufgestiegen ist, in den nächsten anderthalb Stunden so schweigsam wie ein zugeschlagenes Buch. Was soll er auch sagen, dieser Melodienmagier, dessen helle Kopfstimme schon zum Auftakt den dramatischen Bogen aufspannt, um „tausend verschiedenen Versionen“ seiner selbst Raum zu geben? „Sleeping Lessons“, der melancholisch-zärtliche Opener des wundervollen dritten Shins-Albums „Wincing the Night Away“, macht auch im Postbahnhof den Anfang, gefolgt von „Australia“. Und als man schon befürchtet, dass das Album einfach heruntergespielt wird, bloß in einer grobschlächtigeren Fassung, streut die Band mit „Kissing the Lippless“ und „New Slang“ ältere Hits ein, die vom Publikum wie die Rückkehr der Apollo- 13-Crew gefeiert werden.

Die Begeisterung steht in eigentümlichem Kontrast zum Schauspiel dieses Nichtschauspiels, mit dem die Shins sich von ihrer unbequemen Seite zeigen. Ihre Musik glänzt nicht mehr wie in der Sonne zerfließende Butter, sie ist ranzig. Stählerne E-Gitarren übertünchen den üblichen Wohlklang des Mercer-Universums. Und was die zähe Interpretation von Pink Floyds „Breath“ in dem Akkordgetöse verloren hat, bleibt ein Rätsel. Nein, die Shins verändern ein Leben nicht in dieser Nacht, das tun ihre Songs, die so unverwüstlich sind wie der Schutzschild einer Raumkapsel.

KLASSIK

Wenn’s einen

fröstelt

Mutmaßungen über Gustav M. wispern durch die Reihen der prall gefüllten Philharmonie . Das Publikum des Mahler-Zyklus tauscht sich über die vorangegangenen Konzerte aus, zeigt sich begeistert von Barenboims packendem Dirigat der ersten Symphonie und verstört von Boulez’ an Details schier berstender Sicht auf die dritte. Das Projekt löst Diskussionen aus, das kann man an Station vier des Zehn-Etappen-Marathons beruhigt feststellen. Es ist der Abend der vierten Symphonie, Pierre Boulez steht am Pult. Ein kompromissloser Analytiker, auf dessen Altersmilde zu hoffen ein heilloses Unterfangen ist. Jenseits der 80 dirigiert der Maestro ökonomischer und unsentimentaler denn je. Ein Generalschlüssel zum Innersten von Mahlers Musik?

Boulez’ Ausdauer, sein Dringen auf Deutlichkeit, seine Aufmerksamkeit gegenüber der Partitur – davon kann jeder dirigierende Pathetiker unendlich viel lernen. Doch das irritierende Zwischenreich, in das uns die Vierte entführt, gewinnt unter ihm kaum Konturen. Dieses Sekundenfrösteln unter einem hohen blauen Himmel – für Boulez nur unbeirrbar durchgeschlagene Takte und gewaltsam aufpoppende Orchesterstimmen. Jeder Thriller muss da in seine technischen Einzelteile zerlegt gespielt werden. Ein Konzert mit seltsam auf dem Kopf stehender Arithmetik: Für zwei, drei bislang ungehörte Klangkollisionssekunden verdämmern ganze Sätze. Das gilt auch für die Sopranistin Christine Schäfer , der zusammen mit Boulez zwei Augenblicke von überirdischer Ruhe gelingen: Im Wunderhorn-Lied „Wo die schönen Trompeten blasen“ und ganz am Ende der Vierten, wo sie kaum hörbar raunt: „Kein’ Musik ist ja nicht auf Erden, die unsrer verglichen kann werden.“ Und eine große Sehnsucht erwacht. Ulrich Amling

KUNST

Wenn Himmel und

Erde sich teilen

Ein Kunstwerk, forderte Theo van Doesburg 1930 in seinem Manifest der „Art concret“, „darf nichts von den formalen Gegebenheiten der Natur, der Sinne und der Gefühle enthalten“. Das war leicht gesagt und schwer getan – wo doch schon eine horizontale Linie ein Bild in Himmel und Erde zu teilen vermag. Gegenstandsbefreite Kunst? Geht das? Die Frage tangiert Peter Krauskopf kaum. Er malt Farblandschaften mit seltenem Gespür für die Materialität seiner bildnerischen Mittel. Die von ihm beabsichtigten Landschafts- Anmutungen sind ein Novum im Mies van der Rohe Haus , das sonst der Doesburg-Doktrin treu bleibt (Oberseestraße 60, bis 20.5., Di-So 11-17 Uhr).

Krauskopf, Jahrgang 1966, malt zwischen drei Tagen oder zwei Jahren an einem Bild mit mal pastoser, mal flüssig- transparenter Ölfarbe, und entfernt die Malschichten vielerorts mit der Schleifmaschine wieder. Allzu platte Naturassoziationen weiß er zu verschleiern. Dennoch: Krauskopfs Bilder erinnern daran, dass Mies van der Rohe das Landhaus Lemke mit großflächigen Fensterfronten für die Landschaft öffnete. Jens Hinrichsen

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