Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Anhöhen,

im Sturm genommen

Halbzeit beim Mahler-Zyklus der Staatsopern-Festtage, Halbzeit auch im Schaffen des Komponisten. Die Fünfte Sinfonie markiert die Hinwendung zu rein instrumentalem Ehrgeiz, in unerhört polyphoner, höchste Virtuosität herausfordernder Setzweise – für Daniel Barenboim ein Anlass, mit „seiner“ Staatskapelle ein Fest der Klangleidenschaft zu inszenieren. Nach der letzten Anhöhe des Schluss-Fugatos, von den Celli und Bässen im Sturm genommen, vom Triumphgeschmetter der fabelhaften Blechbläser gekrönt, überfluten Wogen der Begeisterung die Philharmonie . Doch es ist nicht allein die technische Souveränität des Orchesters, seine federleichte, immer wieder geradezu tänzerisch ausbrechende Spiellust, die diesen Abend groß macht. Allein die Vielschichtigkeit an Atmosphären, die Barenboim im Scherzo hervorzaubert, vom deftigen Ländler bis zur zarten Walzer-Nostalgie, der dann die Holzbläser die helle Verzweiflung ihrer tumben Begleitterzen entgegensetzen, verschlägt den Atem. Tempogestaltung heißt der Schlüssel dieser Interpretation, die weniger Brüche betont, als sich organisch zur großen Klangrede entwickelt. Das „Adagietto“, das Luchino Viscontis Mann-Verfilmung „Tod in Venedig“ untermalte, ersteht als hauchfeines Linienwerk: ein stiller Reflex auf jenes „Ich bin der Welt abhanden gekommen“, das Thomas Quasthoff in inniger Klangverschmelzung mit wiegenden Harfenklängen als Letztes der „Rückert-Lieder“ singt.

KLASSIK

Ein Tier,

das sich windet

Dem „allerheiligsten Charfreitag“ verleiht Steven Sloane mit drei Meistern der Orchestration schillernde Farben. Der amerikanische Dirigent beginnt im Konzerthaus mit Wagners „Parsifal“-Vorspiel, und das Konzerthausorchester schwingt sich nach anfänglichen Unschärfen zu konziser Gestaltung der Schmerzensmotivik auf. Je irdischer, desto ergreifender das Klangbild: Gern hätte man mehr von diesem „Parsifal“ gehört. Mit Richard Strauss’ „Tod und Verklärung“ wendet sich der Abend, trotz jenseitigen Sujets, diesseitigen Leidenschaften zu: Sloane verleiht der symphonischen Dichtung etwas unverwechselbar Amerikanisches, mit nahtlos ineinander verblendeten Bläser- und Streichergruppen. Sofia Gubaidulinas Violinkonzert „Offertorium“ nach der Pause verlangt nach einem zupackenden Interpreten. Antje Weithaas nimmt sich des Variationenwerks von 1981 mit heroischer Empathie an; in ihrem flexiblen Spiel findet Gubaidulinas raffinierte, geradezu körperliche Instrumentation ihre perfekte Entsprechung. Wie ein Tier windet sich die Solistin in der Falle der Orchestergemeinschaft. Einmal nimmt sie scherzando Reißaus, doch bald schlagen die Klangmassen wieder über ihr zusammen. Matthias Nikolaidis

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