Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Die Seele

des Lamms

Über die neue Art, Bachs Matthäuspassion zu hören, unterrichtet die Akademie für Alte Musik Berlin zusammen mit dem RIAS-Kammerchor unter seinem designierten Chefdirigenten Hans-Christoph Rade mann. Überfülltes Konzerthaus , der Mittelgang des Parketts unter Sitzen verschwunden. Alle wollen wissen, ob der 1948 gegründete, vielseitige Chor eine weitere Ära historischer Aufführungspraxis eröffnet. Mit der Beliebtheit des Werks verbindet sich die Neugier auf Rademann. Der Cantus firmus „O Lamm Gottes“ wird von vier Ripien-Sängerinnen anstelle des erwarteten Knabenchors gesungen. Mit optimierender Wirkung. Verlegte man sich nun schildernd auf die sorgsame Artikulation, Akzente, Tonbegrenzungen, die Art des Chors, Bögen und Staccati der Instrumentalisten mitzufühlen, so ginge unter der Theorie vielleicht das Wichtigste verloren: Dass die Interpretation der Seele nahegeht.

Die Leidensgeschichte Christi wird mit so vehementer Behendigkeit erzählt, dass sie wie eine intensive menschliche Rede erscheint. Klage schließt sie ein (bei dem Evangelisten Topi Lehtipuu) und Trost (Letizia Scherrer mit Christoph Huntgeburth: „Aus Liebe“). Die Solisten (Marianne Beate Kielland, Maximilian Schmitt, Thomas E. Bauer, hervorragend Andreas Wolf) wahren Homogenität. Und die Besetzung der kleinen Partien als Petrus, Pilati Weib usw. ehrt den ganzen Chor. Das Schönste sind die Accompagnati der Worte Jesu. Denn die große Behutsamkeit der Streicher – ohne „Bebung“, feiner Bogenstrich – verwandelt sich in Ausdruck.

KINO

Das Toben

des Genies

Das Wunderkind Wolferl und der genialische Wüterich Ludwig van: So hat man die beiden größten klassischen Komponisten retrospektiv typisiert, mythologisiert, verniedlicht und verkitscht. Nachdem Mozart zum 250. Geburtstag letztes Jahr in jeder erdenklichen Form, aber ohne wesentlich neue Inhalte abgefeiert wurde, hat Agnieszka Holland nun mit Klang der Stille (in sechs Berliner Kinos) das Ihrige getan, um Beethoven keinerlei neue Facette hinzuzufügen. Länger als 100 Minuten tobt, brüllt, ja marodiert Ed Harris, nicht von ungefähr vor allem im Fach der Kommissköpfe und Haudegen tätig, über die Leinwand. Wobei seine ausgesprochen physische Darstellung des Genies auf bis zur Unflätigkeit reichende Derbheit setzt.

Zwar hat ihm Holland eine Frauenfigur an die Seite gestellt, was ihr ausführlich Gelegenheit gibt, einen weiblichen Blick auf den Meister zu werfen und zumindest die gesellschaftliche Möglichkeit einer Komponistinnenkarriere im frühen 19. Jahrhundert anzudeuten. Anna Holtz, die Wiener Konservatoriumsschülerin, beginnt 1824 bei Beethoven als Notenkopistin zu arbeiten. Sie bringt die im schöpferischen Furor hingekritzelten Entwürfe des Maestros in les- und aufführbare Form. Das verlangt hohes musikalisches Verständnis und Einfühlungsvermögen. Doch kaum hat Anna Beethoven von ihren Fähigkeiten überzeugt, liegt sie schon auf den Knien – und putzt seine Fußböden. Darstellerin Diane Kruger hat ihre Anna so sehr auf die tapfere, ernsthafte Musterschülerin zurechtgestutzt, dass sie jegliches Interesse an ihrer Figur erstickt. So bleibt die Musik, vor allem die Neunte: ein schwacher Trost. Daniela Sannwald

POP

Das Brüllen

des Ungetüms

Seit 25 Jahren sind die Melvins so etwas wie der Mutterboden des Rock, schwer genießbar für die meisten, doch Inspiration für viele, die es ganz nach oben schafften. In den Achtzigern schleppte Kurt Cobain noch Buzz Osbornes Verstärker. Für das Album „A Senile Animal“ haben sich Osborne und Drummer Dale Crover vergangenes Jahr junges Blut geholt: Bassist und Sänger Jared Warren sowie Trommler Coady Willis, die mit ihrem Hauptprojekt Big Business das SO 36 mit der Kraft eines Industrie-Heizlüfters wohlig vorwärmen. Crover hilft an der Gitarre aus, bevor er seinen Platz am zweiten Schlagzeug einnimmt. Dann steht er, plötzlich aufgetaucht aus dem Nichts, auf der Bühne, „King Buzzo“, schwarzer Kimono, bekiffter Blick hinter gewaltigen Tentakelhaaren, und rührt seine Gitarre, langsam, schwankend, wie ein Derwisch auf Narkotika. „The Talking Horse“, der Opener des neuen Albums, brettert voraus, gefolgt von Klassikern wie „The Bit“ und „Night Goat“. Die Melvins hieven ein Rockungetüm auf die Bühne: vielarmig, stahlträgerschwer. Wie zwei Hälften desselben Riesenhirns prügeln Rechtshänder Dave Crover und Linkshänder Coady Willis an ihren Schlagzeugen das Monster durch den Saal. „Waaaa“, brüllt Osborne. „Waaaa“, brüllt Jared Warren. Kaum eine Band sonst, die frei von jeder Pose eine derart ursprüngliche, unterweltliche Kraft entfaltet. Kolja Reichert

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