Kultur : KURZ & KRITISCH

Jean-Michel Berg

POP

Neues aus dem

Kinderzimmer

Ihre erste Platte haben sie angeblich in der Badewanne ihrer Pariser Wohnung aufgenommen. Zum Kinderzimmer kann es aber auch nicht weit gewesen sein. Cocorosie , das Geschwisterpaar aus New York, mischt Folk und Oper mit quietschenden Scheren und den Klingeltönen von buntem Plastikspielzeug. Aus dem Kinderzimmer muss auch Biancas unschuldig-naiver Gesang kommen. Wegen ihrer Stimme, sagt sie, hätten Leute Angst vor ihr. Na ja, eigentlich hat man eher Angst um sie. Im Postbahnhof gestern haben Cocorosie auch Stücke aus ihrem neuen Album dabei: „The Adventures of Ghosthorse and Stillborn“. Nicht mehr so Lo-Fi wie die ersten beiden. Aber ihren Charme haben sie nicht verloren, wie sie da auf der Bühne stehen. Der Beatboxer Tez gibt den Takt an, und Bianca versucht sich in Raprhythmen – aber ihre Stimme ist stärker als jede Form. Zwischen Flügel, Harfe und Spielzeugtisch geht es dann zu wie auf einem Kindergeburtstag. Erst noch schüchtern und verschämt zeigen sie sich der ausverkauften Halle. Aber spätestens als die beiden lesbischen Avantgarderapperinnen der Vorgruppe Bunny Rabbit wieder mit auf die Bühne kommen und alle wild durcheinander toben, ist kein Halten mehr. Freudetrunken stimmt man in den Chor ein und singt: „Everybody wants to go to Iraq, but once they go, they don’t come back. Bringing peanut butter jelly and other snacks, we might have our freedom, but we still on crack.“ Kein Wunder, wenn man sich in so einer Welt ins Kinderzimmer flüchtet.

KABARETT

Kostenloser

Fahrgestelltest

Verflixt, wo hat man diesen Menschen bloß schon mal gesehen? Irgendwoher kennt man ihn doch, Heinz Gröning ; zumindest wirkt sein Programm seltsam vertraut. Die Show „Das große 1xHeinz“ im Theatersaal der UFA Fabrik (Viktoriastraße 10-18, vom 11. bis 14.4., jeweils 20. 30 Uhr) ist recht monothematisch gehalten; in erster Linie geht es um den Mann und in zweiter um den Mann in Bezug auf die Frau. So erläutert der Kabarettist etwa die männereigene Methodik in Sachen Kontaktaufnahme: Besonders beliebt zu diesem Zweck sei die einleitende Mitteilung, dass man vom TÜV sei und sich erböte, kostenlos das Fahrgestell zu testen. Oder dass sich die Frau doch bitteschön ein Handtuch vors Gesicht hängen solle, damit man nicht versinke in ihren Augen. Sind diese Aufriss-Präliminarien erledigt, geht es weiter, bleibt es weiter mühevoll für den Mann: Da müssen sie ihre Freizeitgestaltung mit Wesen verhandeln, die vorrangig spazieren gehen wollen, und auch für die große „Was denkst du?“-Frage müssen sie hübsche, überzeugende und anrührende Erwiderungen bereithalten.

Zwischen all diesen Verlautbarungen gibt es Gitarreneinlagen, die der Kabarettist mit einem Grönemeyerartigen Pressgesang versieht. Und plötzlich fällt einem wieder ein, woher man Grönings Show (eine „unglaublich lustige Reise durch den Kampf der Geschlechter“, sagt die Agentur) kennt: Aus einer dieser Pinten, die „Resis Eck“ oder „Zum Schluckspecht“ heißen. Da hört man sie alle, Grönings Spruche. Mit einem großen Vorteil: Zahlen muss man für sie nicht, und zum Klatschen wurde auch nicht aufgefordert. Verena Friederike Hasel

0 Kommentare

Neuester Kommentar