Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Leistungssport für

Band und Publikum

Nanu, was ist denn mit Paul Smith passiert? Vor zwei Jahren sah der Sänger von Maxïmo Park noch wie ein spargelarmiger Britpop-Magerling aus. Als er jetzt im ausverkauften Lido nach drei Songs das Jackett auszieht, sieht man Bizepse, die auch einem 50 Cent zu Ehren gereichten. Vermutlich braucht Smith diese Form von Bodytuning, um den gestiegenen Konzertanforderungen gerecht zu werden. Während die Band aus Newcastle früher höchstens eine Stunde spielte, geht sie jetzt über gut 80 Minuten, und in diesen schmettert sie zwei Dutzend halsbrecherische, sich zu unwiderstehlichen Refrains aufschwingende Britpop-Hymnen. Leistungssport für Band und Publikum. Smith springt herum wie ein entfesselter Derwisch, wobei sich das Manische seiner Darbietung neuerdings mit einer verblüffenden Gelöstheit verbindet: Der Mann kann sogar lachen!

Maxïmo Park sind mit ihrem zweiten Album „Our Earthly Pleasures“ auch musikalisch muskulöser geworden. Archis Tiku und Tom English an Bass und Schlagzeug bilden die stoisch-präzise Rhythmusfraktion, Duncan Lloyds kratzige Gitarrenriffs sorgen für die messerscharfen Konturen der Songs, und Lukas Wooller mischt mit seinem plastischen Georgel die Klangfarben an. Die Begeisterung im Lido entlädt sich gleich beim Opener „Graffiti“ in ausgelassenem Tanzgewoge und reißt bis zur Zugabe „Limassol“ nicht ab. Selbst ruhigere Songs werden bejubelt, und bei Single-Hits wie „Apply Some Pressure“ oder „The Coast Is Always Changing“ gibt es kein Halten. Am Schluss sieht man überall strahlende Gesichter über durchgeschwitzten Klamotten. Und Paul Smith wirkt genauso glücklich wie seine Fans.

KUNST

Buchstaben

über der Stadt

Eines Tages suchte der amerikanische Fluxuskünstler George Brecht einen Titel für eine Ausstellung. Er nahm ein paar Buchstaben, schüttelte sie und kombinerte sie neu. Heraus kam: „El Sourdog Hex“. Im Berliner Galerien-Hot-Spot rund um den Checkpoint Charlie lebt diese Wortfolge nun fort: Seit Ende Januar zeigt ein „privater Kunstverein in Gründung“, der sich zu Ehren Brechts „El Sourdog Hex“ nennt, Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, von Minimal über Fluxus bis Pop-Art.

Die Bezeichnung „Kunstverein“ passt indes nur bedingt. Handelt es sich doch um keinen klassischen Mitgliederverein, sondern um einen Zusammenschluss dreier deutscher Sammler, die anonym bleiben, aber Arbeiten ihrer Sammlungen – die teilweise in Depots lagern – nur zu gern der Öffentlichkeit präsentieren wollen. Das Programm, das mit George Brecht begann und bereits bis Ende 2009 feststeht, ist beeindruckend: Skulpturen und Zeichnungen von Claes Oldenburg, Konzeptkunst von Lawrence Weiner, Drucke von Richard Hamilton, Multiples von Jason Rhoades. Amerikanische Künstler dominieren, doch mit Bernd Koberling, Markus Lüpertz und Stefan Wewerka hat man auch Berliner dabei. Am Ende jedes Jahres erscheint ein Katalog, der die Arbeit der jeweils vergangenen Monate vorstellt. Auf Vernissagen hingegen verzichtet der Verein. Eher nüchtern soll es zugehen in dem Bürogebäude in der Zimmerstraße 77 . Zurzeit zeigt man auf den dreihundert Quadratmetern Ausstellungsfläche die Abstraktionen der Farbfeldmaler Kenneth Noland und Morris Louis, die in den fünfziger Jahren auf ungrundierter Leinwand nach neuen Farbfigurationen suchten (bis 28. April, Di bis Sa 11–18 Uhr). Daniel Völzke

KUNST

Bohrstaub als

Readymade

Wer in der Nase bohrt, hat sonst nichts zu tun. Fritz Balthaus hat elfmal in die Wand gebohrt – zunächst als Dienstleistung für seine Künstlerkollegen. Doch in einer Vitrine stellt er auch aus, was er gefördert hat: Bohrstaub als krümeliges Readymade. Der Gruppentitel Förderkohle zielt noch auf anderes: 19 Stipendiaten der Kulturverwaltung des Berliner Senats zeigen im Neuen Berliner Kunstverein , was mit öffentlichen Geldern gefördert wurde (bis 29.4., Chausseestraße 128, Di–Fr 12–18 Uhr, Sa+So 14–18 Uhr).

Ingeborg Lockemann klebt ihre scherenschnitthaften Miniaturzeichnungen direkt auf die Wand. Ihre Bildchen zeigen wackelig-absurde Gebrauchsmöbel-Installationen, die ihren ästhetischen Reiz durch das leere Weiß dazwischen gewinnen. Nur das obligatorische Titelschild stört – da hätte man gleich ein Loch mittenrein bohren können. Sensibles, tüftelfreudiges Handwerk präsentiert Mathias Bechtold. Seine minutiöse Papp-Skulptur namens „Bechtold City“ ist ein Wolkenkuckucksheim, das menschliche Hybris selbstironisch aufs Korn nimmt. Ein technoides Hochhausmonster lässt die umgebenden Häuser des Modells zu Mini-Hundehütten schrumpfen. Das Elend von vier Berliner Obdachlosen gibt Milovan Markovic in großformatigen Schriftbildern wieder, mit Originalaussagen der Porträtierten. Eine Ausstellung, die bohrend sozial-politische Fragen stellt. Jens Hinrichsen

KLASSIK

Melodie

mit Fragezeichen

Die großen Interpreten der älteren Generation hat Frieder Obstfeld für seinen Mozart-Zyklus im Kammermusiksaal geholt, und er selbst fühlt sich mit seiner „Kammerphilharmonie Amadé“ Sandor Végh verpflichtet, der ein Mozart-Ideal des vollen, geschmeidigen Streicherklangs pflegte. Doch lässt sich Interpretationsgeschichte zurückdrehen? Und könnte man es, wäre es nicht ein Widerspruch, einem Werk wie der Es-Dur-Sinfonie KV 543 mit einem so kleinen Orchester beizukommen? Wenn schon, denn schon.

Der langsamen Einleitung fehlt die spannungsvolle Größe, das „Zauberflöten“-Pathos, das sich in den rasanten Figuren der raschen Sätze entladen sollte. Während Obstfeld im Andante con moto wunderschöne, fragend ausschwingende Melodiebögen formt, entwickeln die Moll-Ausbrüche statt tragischer Wucht nur Hektik, weil ihnen das klangliche Volumen fehlt. Ähnliche Schwankungen beim C-Dur-Klavierkonzert KV 467: Bruno Leonardo Gelber versieht seinen Solopart zumeist mit geradliniger Klarheit, aus der gelegentlich volltönende Kantilenen hervorleuchten. Das sinnliche Glück der Mozart’schen Klangdelikatesse kommt schon deswegen nur selten auf, weil die Holzbläser durchweg zu laut sind. So bleiben nur die Fünf Kontretänze KV 609, ein spätes Wunder an Satzkunst und Erfindungskraft. Hier zeigt sich, dass auch die „Amadés“ über einen kraftvoll-biegsam aufspielenden Streicherkörper verfügen, und dass ihr Chef so prägnante wie differenzierte Gesten zu setzen weiß. Isabel Herzfeld

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