Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Gesang

vom Lebewohl

Die Violinen pianissimo mit Dämpfer, die Oboe molto espressivo: Der zweite Satz in Mahlers „Lied von der Erde“ umschließt mit dieser instrumentalen Aura das Gedicht „Der Einsame im Herbst“. Trauer ist darin und Sehnsucht nach Ruhe und Schlaf. Diese Musik kommt dem Adagio-Dirigenten Daniel Barenboim entgegen, und gemeinsam mit der Sängerin Michelle DeYoung gibt die Staatskapelle dem Wort „Schlaf“ geheimnisvolle Bedeutung: noch leiser werdend, aber mit unerhörtem Ausdruck. In dem Mahler-Zyklus , den Barenboim sich in der Philharmonie mit Pierre Boulez teilt, steht der Franzose für den „Zeitgenossen der Zukunft“ ein. Überall wo über Mahlers Spätstil nachgedacht wird, ist der Name Arnold Schönberg nicht weit. Bereichert indes wird unser Mahlerbild durch den Wesenskontrast der beiden Dirigenten.

Barenboim interpretiert die Liedsymphonie als Weltabschiedswerk, das von romantischer Erinnerung durchglüht ist. Das Klangbild bleibt relativ dicht, nicht nur im expressiven Orchesterausbruch. Wir vernehmen fantastische Farben, Stimmungen, denen sich die Sänger einfügen: Burkhard Fritz mit überfliegendem Tenor und DeYoung als sich steigernde Partnerin der Instrumentalisten. Höhepunkt ist das „Lebewohl“ als Zwiegesang mit der Soloflöte. Mahler hat sich die Gedichte aus Hans Bethges „Chinesischer Flöte“ durch Veränderungen anverwandelt, um sein Persönlichstes zu sagen. Barenboim hört die Schmerzen aus der Partitur. Über den letzten Takten von Bläsern, Celesta und Streichern steht: „Gänzlich ersterbend.“

KLASSIK

Klang

wie Glas

Ein Abend der wohl kalkulierten Steigerungen: In Bohuslav Martinus drei Madrigalen für Violine und Viola treiben sich Janine Jansen und Maxim Rysanov zu Begin der vierten Saisonausgabe der Spectrum Concerts im Kammermusiksaal von Höhepunkt zu Höhepunkt. Das virtuose Temperament der jungen Musiker bekommt der doch recht biederen Komposition bestens. Ganz anders dann Alfred Schnittkes Streichtrio, das die beiden, ergänzt durch Torleif Thedéen am Cello, danach zu Gehör bringen. Das Stück lebt von Kontrasten zwischen gläsern-zarten, fast erstarrten Klangbildern, knochentrockenen Dissonanzenballungen und trunken-ekstatisch herabstürzenden Sequenzen. Wobei die zupackenden Passagen den Musikern offenbar am meisten am Herzen liegen. Leider fehlt etwas das Gespür für das gespenstisch Leere, das ratlose Innehalten in den ruhigen Passagen, die sind für das Trio wohl eher eine praktische Gelegenheit zum Luftholen. Nach der Pause komplettiert Stefan Vladar am Klavier das Ensemble für das große, fast sinfonisch angelegte A-Dur-Quartett von Brahms. Fein abgestufte Klangfarben, traumwandlerisches Zusammenspiel, lediglich das Daueragitato von Janine Jansen ist gelegentlich des Guten zu viel. Trotzdem: Besser kann man das Stück wohl nur von einem eingespielten Ensemble hören, nach langem Austausch über das, was man denn eigentlich sagen will mit dieser Musik. Ulrich Pollmann

FILM

Traum

vom Schwimmen

Ohne eine Miene zu verziehen, hört Direktor Wang die Klagen an. Seit seine vierhundert Arbeiter die Dortmunder Großkokerei „Kaiserstuhl“ auseinander nehmen und ins Reich der Mitte verladen, regen sich „die Ausländer“, also das deutsche Aufsichtspersonal, jeden Tag über die Verletzung der Arbeitsschutzbestimmungen auf. Die Chinesen unterdrücken ein Lächeln und machen weiter.

Ulrike Franke und Michael Loeken („Und vor mir die Sterne“, „Soldatenglück und Gottes Segen“) haben für Losers and Winners die Demontage der 1992 mit EU-Mitteln fertig gestellten und schon im Jahr 2000 stillgelegten modernsten Kokerei Europas einundeinhalb Jahre lang verfolgt. Nervös und mit verständlichem Missmut sehen die verbliebenen deutschen Arbeiter zu, wie Rohre, Bleche, Öfen „ihres“ Werks mit chinesischen Schriftzeichen bemalt und dann verladen werden. „Das schaffen die nie“, tröstet man sich. Aber auch die Projektunterlagen gehen mit: Das Werk wird gleich in dreifacher Gestalt in China wieder auferstehen. Währenddessen ist der Weltmarktpreis für Koks um das Dreifache gestiegen. Wo hatte das hoch bezahlte deutsche Management seine Augen?

„Das Meer des Lernens kennt keine Ufer“, sagt Direktor Wang, der während der Arbeit gern Gedichte schreibt. Er wird einen neuen Mercedes mit nach Hause führen, die Arbeiter bescheidenere Souvenirs. Aber auch sie sind stolz, das Unternehmen gibt ihnen eine Perspektive. Es wird nicht die letzte deutsche Industrieanlage gewesen sein, die den Weg nach China findet. Direktor Wang denkt an ein Airbus-Werk – China träumt mit wachen Augen.

Bei der Uraufführung auf dem Leipziger Dokumentarfilmfestival 2006 löste Losers and Winners Bestürzung aus. So überzeugend hatte noch kein Film Deutschland auf der Verliererseite der Globalisierung geortet. Aber Optimismus hat immer etwas Ansteckendes, auch wenn er auf eigene Kosten geht: Auf das „Meer des Lernens“ kann jeder hinausschwimmen (Acud und fsk, beide OmU). Hans-Jörg Rother

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