Kultur : KURZ & KRITISCH

Verena Friederike Hasel

DISKUSSION

Weit weg

von Potzlow

Seitdem Jugendliche 2002 einen 16-Jährigen in Potzlow brutal ermordeten, ist der Ortsname fast ein Synonym für unbegreifliche Jugendgewalt. In der Akademie der Künste wollte man sich diesem Ort am vergangenen Freitag Abend nähern: Dort diskutierten „Kick“-Regisseur Andres Veiel , der Psychiater Hinderk Emrich , der Soziologe Ferdinand Sutterlüty und der Kriminologe Bernd Wagner über Gewalt und kulturelles Gedächtnis; Grundlage war Veiels Buch „Der Kick. Ein Lehrstück über Gewalt“. Doch wenig Neues wurde gesagt, leider: Vom medialen Einfluss war die Rede, vom rauschhaften Momentum, das die Ausübung von Gewalt bergen kann, von der transgenerationalen Weitergabe von Traumata – alles Themen, die Psychologen von Sigmund Freud bis Alice Miller und Dan Bar-On schon behandelt haben. Einen bedenkenswerten neuen Aspekt brachte jedoch Veiel ein: Potzlow als eigenes Ganzes, mit einer Biographie wie jeder Mensch, mehrfach gebrochen und traumatisiert durch Vertreibungen nach dem Weltkrieg, Stasierfahrungen, missliche Nachwendeerlebnisse – alles Geschehnisse, die wie eine Betondecke nach der anderen übereinander klatschten, bis alles an Gefühl, freier Rede, Auseinandersetzung in dem Dorf erstickt war. Potzlow sei ein „Ort des Schweigens“, sagte Veiel. Umso mehr hätte man sich gewünscht, eben dieses zu brechen, einen Potzlower dabei zu haben auf dem Podium. So blieben die Potzlows dieser Welt sehr fern an diesem Abend, im zweiten Stock der Akademie, mehrere Meter über dem Erdboden thronend.

KLASSIK

Schmerztrunkene

Liebesbriefe

Instrumentengerecht, fordert Frank Peter Zimmermann , sollen neue Violinkonzerte sein. Und das bedeutet für ihn eben auch, dass die Konsonanzen, die dem harmonischen Klangspektrum des Instruments eingeschrieben sind, zu ihrem Recht kommen. Regelmäßig vergibt Zimmermann Kompositionsaufträge, jüngst an den Australier Brett Dean, dessen Violinkonzert er im vergangenen Monat in Köln uraufgeführt hat. In der Philharmonie überzeugen bereits die ersten Takte des Werkes, wenn Zimmermann morphinös-schöne, bitter-süßliche Töne in die verhaltenen Klänge des DSO webt. Als poetische Anregung für die vier Sätze verwendet Dean Briefe aus dem 19. Jahrhundert, eine schmerztrunkene Liebesbeichte von Brahms an Clara Schumann macht den Anfang. Der resignierte, vom Rückzug in die Innenwelt geprägte van Gogh prägt den zweiten Satz. Wieder entwickelt Dean eine feinsinnig zwischen harmonischen und dissonanten Klängen changierende Klangsprache, ohne, wie etwa Matthias Pintscher, dessen Konzert Zimmermann vor vier Jahren in der Philharmonie uraufgeführt hat, übersättigte Orchestrierungskünste aufbieten zu müssen. Den letzten Satz, von einem Schreiben des ob unhaltbarer Zustände in der australischen Provinz erbosten Politikers inspiriert, gerät dann allerdings etwas zu vordergründig virtuos. Brett Dean hätte dem Drang, einen klassischen Rausschmeißer an den Schluss zu setzten, widerstehen müssen. Den gab es nach der Pause in Form von Beethovens Siebter sowieso, von Manfred Honeck mit dem DSO zupackend, wenngleich ohne allzu originelle Interpretationsansätze in Szene gesetzt. Ulrich Pollmann

KUNST

Schneisen in der

Stadtlandschaft

Ums Jahr 1900 wurde sich Berlin fremd und kam zugleich zu sich selbst: Die letzten Pferdedroschken waren durch elektrische Straßenbahnen ersetzt, die S-Bahn fuhr, die U-Bahn kam hinzu und der Massenverkehr schnitt Ausfallstraßen wie Schneisen in die Stadtlandschaft. Das Bedürfnis nach Orientierung im unübersichtlich gewordenen Gelände wuchs. Es machte Stadtpläne zum Massenmedium. Berlin-Stadtpläne, diese enormen historischen Wissensspeicher, präsentiert derzeit das Mittemuseum (Am Festungsgraben 1, bis 30.9., Mo, Fr-So 13-17 Uhr) in der Ausstellung Stadt auf Papier – ein wahres Dorado für Kartophile. Hier gibt es Berlin im Maßstab 1:15 000 oder 1:50 000, es gibt 3D-Darstellungen am Computer und thematische Karten, auf denen die Sterblichkeitsrate einzelner Bezirke oder die Kino-Dichte um 1910 verzeichnet ist. Zudem erfährt man einiges über Vermessungstechnik, Kartenherstellung und kartographische Verfahren von Farbgestaltung bis Generalisierung. Natürlich fehlen unter den Plänen aus zwei Jahrhunderten auch nicht die wunderlichen DDR-Erzeugnisse, auf denen „Westberlin“ als weißer Fleck, wie eine unerschlossene Wüste erscheint. Stadtpläne sind aber nicht nur historische Dokumente. In ihrer Modellhaftigkeit suggerieren sie Überblick – etwa stark schematisierte U-Bahn-Pläne. Zudem dienen sie der Kontrolle – eine Karte der Droschkenwege, die das Tarifsystem verdeutlicht und vor willkürlichen Preisen schützen soll. Und sie arbeiten am touristisch vermarktbaren Stadtbild, wenn sie Sehenswürdigkeiten abbilden, ohne sich dabei um Maßstäbe zu scheren. Das Bild Berlins hat sich in den Plänen seit 1900 übrigens kaum verändert. Doch es ist kein Zufall, dass die Musealisierung des Stadtplans just einsetzt, als Digitalbildschirme und Satellitennavigationssysteme ihn zu verdrängen drohen. Steffen Richter

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