Kultur : KURZ & KRITISCH

Jan Oberländer

THEATER

Gurken

von morgen

Wolle mer se reilasse? Zum Thema Integration veranstaltet der Hamburger, Punkrocker, Autor und eben auch Regisseur Schorsch Kamerun mit Der kleine Muck ganz unten einen klamaukigen Polit-Pop-Abend in der Volksbühne (wieder am 20. April, 4. und 20. Mai). Die Rahmenhandlung dieser Überprüfungsrevue bildet die Reise der okzidentbegeisterten Orientalin Frau Naima (Astrid Meyerfeldt) nach Berlin. Ihr überideales Deutschlandbild („Bildung, Leute!“) wird bald von der bundesspießigen Realität zerpflückt. Naimas Begleiter, der kleine Muck (Carolin Mylord), ist später als „Reiseführer nach ganz unten“ in einer Klischeevideobildershow als Handydealer, Spargelstecher und Zimmermädchen zu sehen. „Die Welt zu Gast beim Feudeln.“ Jacques Palminger gibt herrlich ätzend den Integrationsquizmaster, führt im grünen Spreewaldkostüm die deutsche Gurkentruppe an und bietet Naima die Chance einer Aufenthaltsgenehmigung durch Heirat. Letztlich wird aber doch im trojanischen Kamel immigriert. Musikalisch untermalt wird das Szenengezappe vom vietnamesischen Lotus-Ensemble und einer bunten Mischung aus dahergerumpelten Agit-Songs: „Wir sind die Türken von morgen.“ Sehr unterhaltsam, das Ganze. Zwar nicht als der anvisierte „präzise Kulturcheck“, aber als quietschbunter Zitatsalat. Am Ende ist allgemeines Winken: „Auf Wiedersehen!“ Spätestens beim „Gipfel der Integration“, einem kritischen Themenwochenende, das Kamerun und sein Koautor Andreas Fanizadeh am 19. und 20. Mai an der Volksbühne kuratieren.

POP

Kiffer

von gestern

Halb zwölf im Quasimodo . Sakrale Stimmung. Die Bühne ist duster. Zwei trübe rote Scheinwerferfunzeln. Aus den Boxen hallt der schwere Chor einer feierlichen Messe. Schattengestalten huschen durch die Dunkelheit. Piano-Synthie-Wabern, Gitarren, Schlagzeug. The Church klingen bleiern schwer, elegisch, psychedelisch wie die frühen Syd-Barett-Pink-Floyd. Endlich wird es lichter, und man erkennt, dass die Band aus Australien merklich gealtert ist seit ihren Anfängen vor 27 Jahren, als sie noch eine vorwärtshämmernde New-Wave- Truppe waren. Seit ihrer Gründung haben The Church, die bis auf den Drummer Tim Powles immer noch in der Besetzung von damals spielen, einige Wandlungen durchgemacht. Stilistisch und optisch. Ungestüme Stakkato-Gitarren, Sixties-Beat, Synthie-Pop, Neo-Psychedelia. Das alles mischen sie zusammen und sehen dabei etwas älter aus: der kleine, dünne Frontmann, Bassist und Songschreiber Steve Kilbey mit angegrautem Bart und rauer Stimme. Links steht der lange Strat/Telecaster-Gitarrist Peter Koppes mit gekürzten Lockenhaaren. Rechts sein Gegenpart Marty Willson-Piper, der mit schulterlangen Haaren wie ein grimmiger Indianer wirkt und exaltiert rhythmische Klangflächen aus der Fender Jazzmaster zaubert. Zerrende Solos, kreischende Rückkoppelungen. Und zwischen den Songs schleudert er bizarr kryptische Weisheiten ins amüsierte Publikum: „Es ist nickt wicktick, es ist sär schwier!“ Es dauert eine ganze Weile, bis die zerfusselte Kiffermusik in Fahrt kommt, die Schläfrigkeit ablegt und hypnotische Qualität entfaltet. H.P. Daniels

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