Kultur : KURZ & KRITISCH

Matthias Nöther

KLASSIK

Große Gesten,

fahle Töne

Zemlinsky, das ist immer der Name, der einem außer Mahler noch einfällt zum Fin de Siècle, und natürlich übernimmt Zemlinsky dabei den Part des Kleinmeisters. Fin de Siècle eben, im abgestandenen Sinn des Wortes, Verfeinerung des Geschmacks ohne Ziel, ein pauschal auf und ab wogendes Orchester, schwüles Gewaber. Doch Zemlinsky hat die Wiener Décadence in jeder Hinsicht überlebt, hat mit Schönberg lange mitgezogen, als Dirigent noch die herbe Anti-Romantik von Brecht und Weill aus der Taufe gehoben. Die Sängerin Ulrike Helzel hat sich für ihren Liederabend an der Deutschen Oper zwar vorwiegend Lieder des Komponisten aus der Zeit der Jahrhundertwende ausgesucht, doch bei keinem versinkt der Hörer in amorphen Klangwogen. Helzel singt, begleitet von Anne Champert, mit angenehm klarem, dynamisch gut abgestuftem Mezzosopran, dunkelt die Vokale ab und streut in das Paul-Heyse-Lied „Der Tag wird kühl“ im Dienst der schicksalsschwangeren Geste fahle, vibratoarme Töne ein. Die Klangklischees des Fin de Siècle meidet sie, was den frühen Kompositionen Zemlinskys guttut, der mit Heine- und Eichendorff-Liedern noch keine Ambitionen hatte, den klassizistischen Liedduktus seines Idols Brahms aufzugeben. Helzels Ton schwillt eher opern- als liedgemäß und steht stets im Dienst eines Inhalts.

THEATER

Nutze

deine Schanze

Es ist tatsächlich Jens Weißflog, der Skispringchampion, den man auf dem Video sieht, das die Performer von Mamouchi in den Sophiensälen auf die Leinwand projizieren. Die Basler/Berliner Gruppe, die zuletzt in „Warten auf Wunder“ den Verheißungen der fünfziger Jahren nachspürte, entdeckt in ihrem neuen Stück „Risikoathleten“ (wieder heute und morgen sowie am 29. und 30. April, 20 Uhr) den Schanzensport als Metapher für biografische Sprünge ins Ungewisse. Auch für ihn sei jeder Anlauf „immer wieder eine Überwindung“, sagt Weißflog am Videointerviewcafétisch. Mut und Selbstvertrauen seien wichtig. Und, vor allem, hartes Training. So unterziehen die Schauspieler Bettina Grahs und Christoph Moerikofer sich einem straffen Work-out. Trockenübung eins: die Kündigung. Grahs äht und ähmt sich aufs witzigste durch ein völlig verknotetes Wortknäuel, bevor es beim zweiten Versuch endlich klappt. „Und Absprung!“, nutze deine Schanze. Die Bühne (von Margret Burneleit) besteht aus einem Bluescreen, einer weißen Leinwand und dem Modell einer Skisprungschanze, inklusive Häuschen und Bäumchen. In die groß projizierten Bilder einer die Minischanze heruntersausenden Minikamera werden live die beskimützten Schauspieler hineingeschnitten, auf Skiern, in Sprunghocke. Das ist kein theatraler Höhenflug, aber ein witziger Effekt, ebenso wie die mit Hollywoodschnulzentext synchronisierten Heiratsantragsszenen der Trockenübung zum Thema „Sich trauen“. Mamouchi raten: keine Angst vor der Bauchlandung. Die brauchen sie mit diesem kleinen, hochcharmanten Abend auch nicht zu haben. Jan Oberländer

KLASSIK

Gut

aufgestellt

Nur einmal an diesem Abend erlebt man Pierre-Laurent Aimard als manischen Tastenfanatiker: In den „Dialoghi“ von Marco Stroppa schießen unverhofft Klangfontänen aus dem Flügel, man ahnt die ungeheure Kraft, die dem Pianisten zur Bewältigung großer Avantgardewerke zu Gebote steht. Auch die elektronischen Klänge, die der Komponist höchstselbst dazumischt, faszinieren, lassen den Ärger über die abgesetzte Uraufführung aus der Feder Stroppas schnell verblassen. Sonst gewinnt Aimard an diesem dritten und letzten von ihm gestalteten Abend im Kammersaal der Philharmonie vor allem durch charmante Zurückhaltung. Gemeinsam mit Stipendiaten der Orchester-Akademie der Philharmoniker präsentiert er unter dem Titel „Räumlichkeiten“ Musik, die von den reichen Möglichkeiten des Saals, Musiker an verschiedensten Stellen zu positionieren, Gebrauch macht. Allzu gedankenschwer gerät die Auseinandersetzung mit dem Thema nicht, wozu die Blechbläser gleich zu Beginn erheblich beitragen, mit einer umwerfend interpretationsfreien Version von vier Canzonen Giovanni Gabrielis. Fantastisch dann die Bagatellen für Flöte, Kontrabass und Klavier von György Kurtág. Die fünf traumhaft schönen Charakterstücke, vor allem die Bach-Hommage und die bitter-süßen Blumenstücke, verzaubern auf Anhieb. Ulrich Pollmann

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