Kultur : KURZ & KRITISCH

Thomas Lackmann

KABARETT

Eckig

begraben

„Alles geht!“, singen die Verunsicherer der Postwendemoderne. Im „Hotel Heimat“ (24.–27.4. und 30.4. um 20 Uhr, 28.4. um 18 und 21 Uhr) trifft die durchgeknallte Touri-Tussi auf Berlin-Visite („Gott, die Stasi – wenigstens ist ein Oskar dafür rausgesprungen!“) den thüringischen Zimmerkellner mit Demutslächeln. Der lallende Hinterbänkler-MdB („Wer rund geboren wurde, kann nicht eckig begraben werden“) packt aus. Eiernde Personalchefs führen „entkrustungs“-bedingte Entlassungsgespräche, das Fundi-Türken-Ehepaar im Hotelbetrieb radebrecht, ein Pfarrer gesteht Leihmutterkontakte. „Das Leben ist ein anderes Spiel, als wir es bisher kannten“, sinnieren Dagmar Jaeger, Michael Nitzel und Stefan Martin Müller.

Die erste komplett unterm Regiment des Westimports, Intendanten und Texters Frank Lüdecke erstellte Szenenfolge duftet nicht mehr nach Made in GDR. Den Profisatirikern der Distel – einst DDR-Hofkabarett, in den 90ern geführt von einer unrühmlich geouteten IM-Intendantin, immer noch beliebte Ostalgieadresse – gelingt ihre einheitsfokussierte Mainstream-Gratwanderung schmerzlos hüpfend zwischen den Perspektiven hüben und drüben. Zweimal jedoch wird im Saal nicht gelacht: als der nette Generation-Praktikum-Arbeitslose die AmokMP aus der Jutetasche kramt – und beim Vorschlag, das Gesundheitssystem durch Zwangs-AOKisierung aller privat Versicherten zu retten. Nichts geht. Ans Eingemachte.

KLASSIK

Gazellenhaft

lebendig

Er ist wie die Unruhe einer kostbaren Uhr: zart und unerschütterlich. Seiji Ozawa , nach längerer Krankheitspause zurück auf den ersten Podien der Welt, taucht so selbstverständlich ein in den Strom der Musik, als mache er lediglich ein Perpetuum mobile hörbar, das uns stets umgibt. Ein großer Musikverflüssiger ohne dramatische Hybris. Die Berliner Philharmoniker kennt Ozawa über 40 Jahre, man spürt eine Herzlichkeit, die sich in Fluten von warmen, zart-mürben Streicherklängen ergießt. Beethovens zweitem Klavierkonzert bekommt das nur bedingt. Pierre-Laurant Aimard, der seine Zeit als Pianist in Residence bei den Philharmonikern beendet, schaut immer wieder erwartungsvoll zu Ozawa auf. Ich bin jederzeit für ein kleines Spielchen zu haben, sagt dieser Blick. Aimards betont gazellenhafter Anschlag versucht, den philharmonischen Löwen zu locken. Der liegt lieber in der Sonne und streckt die Glieder. Ein stattlicher, auf Dauer etwas ermüdender Anblick. In Bruckners selten gespielter zweiter Symphonie entdeckt Ozawa ein geheimnisvolles Weltkontinuum, den Tonfall des Schmerzes, die Architektur der Zerrissenheit dämpft er in großen Wogen. Die herrlichste Musik weht auf seinen Wink herüber (phänomenal: Radek Baborak am ersten Horn). Das Leben mag ein Meer sein, vor allem aber ist es ewig (noch einmal heute, 20 Uhr). Ulrich Amling

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