Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

TANZ

Bis an die

Schmerzgrenze

Zum Abschluss des Brasilien-Festivals „Move Berlim“ lässt es die Gruppe Membros noch mal richtig krachen. Die Compagnie kommt aus Macaé – die Küstenstadt nördlich von Rio de Janeiro hat die höchste Kriminalitätsrate Brasiliens. In einem der Elendsviertel Macaés gründete die Choreografin Taís Viera zusammen mit Paulo Azevedo vor acht Jahren ein Kulturzentrum – hier trainieren Mittelstands-Sprösslinge und Ghetto-Kinder gemeinsam. Einige der Tänzer haben sich professionalisiert und zu der Gruppe Membros zusammengeschlossen. Mit ihrem brasilianischen Hip-Hop sorgten sie auch in Berlin für Furore.

„Raio X“ im HAU 2 zeigt wie auf einem Röntgenbild, wie sich die Gewalt in die Körper einschreibt. Von Gefangenen geschriebene Texte bildeten den Ausgangspunkt für die knallharte Performance. Immer wieder prallen die Körper heftigst zu Boden. Die sozialen Erschütterungen übersetzt Taís Viera in eine Folge von physischen Schocks. Manchmal lässt sie die Breakdance-Moves zu Bach und Beethoven tanzen – ein Versuch, das Leiden zu überhöhen. Überzeugend ist die Performance, wo sie bis an die Schmerzgrenze geht. Hier steht alles auf dem Spiel. Hier wird getanzt bis zum Umfallen: Nur einer von sechs kommt am Ende durch.

ROCK

Wild und

ungestüm

Kurz nach zehn kommt ein aufgedrehter Conferencier auf die Bühne und brüllt „Hallelujah“, und dass jetzt die Zeit gekommen sei, hier im Lido , für „the greatest rockband in the history of the universe: The Blood Arm !“ Dann übernimmt ein anderes Großmaul das Mikrofon: Nathaniel Fregoso wirkt wie eine kuriose Mischung aus dem späten Jim Morrison, dem frühen Maradona und dem mittleren Adam Green. Mit wilden, glänzend schwarzen Haaren und leichtem Überhang um die Hüften, die er in heftigen rhythmischen Schwung versetzt. Rucken und Zucken mit dem Hintern. Immer in Bewegung mit Beinen und Stimme.

Die junge Band aus Los Angeles rockt munter drauflos, stilistisch angesiedelt irgendwo zwischen sechziger und achtziger Jahren, zwischen schmutzig riffigem Rhythm & Blues und hämmerndem Pop, zwischen UK und USA, zwischen Franz Ferdinand und den Strokes. Zachary Amos poltert wüst ins Schlagzeug. Dyan Valdés, mit wehenden Haaren, wehendem Kleid hämmert aufs E-Piano. Der lange, dünne Zebastian Carlisle drischt zackige Akkorde in die Telecaster Custom. Das rastlos basslose Quartett rattert die Songs vom Debütalbum „Lie Lover Lie“ mit geballter Energie und mächtiger Lautstärke herunter. Ein Dutzend Songs in einer Stunde. „I like all the girls and all the girls like me“, protzt Fregoso in die tanzende Meute überwiegend begeistert wogender Mädchen. Am Ende holt er einige auf die Bühne zum lustigen Synchronhüpfen. Verschwindet im Gewühl, lässt sie ratlos stehen. Sie können runterkommen. Es ist vorbei. H.P. Daniels

KLASSIK

Bloß keine

Schmerzen

Spätestens bei der Hammerklaviersonate ertappt man sich bei dem unlauteren Gedanken, dass Pianisten für Beethoven Muskeln brauchen. Nicht dass Mitsuko Uchida nicht zupacken könnte. Das Publikum im Kammermusiksaal der Philharmonie erlebt den Anfang von op. 106 als schockierendes Donnerwetter; schon in den späten Bagatellen op. 126 sowie der A-Dur Sonate op. 101 hatte sie die rüde montierten Kontraste zwischen Toccata- und lyrischen Passagen, die Überraschungs-Attacken und Tempoumschwünge regelrecht trotzig angefasst. Aber der japanischen Pianistin und Mozart-Spezialistin fehlt jenes Moment des Unbedingten, das für Beethoven zwingend ist.

Ein atmosphärisch dichter, aber am Ende unverbindlicher Spätwerke-Abend: viel Stimmung, viel Schwerelosigkeit, Mitsuko Uchidas sportlich hüpfender Anschlag sorgt dennoch für klare Konturen – ein geschmeidiger Beethoven. Melancholie statt Verzweiflung: Wenn die dritte Bagatelle sich in impressionistischen Schmelzklang auflöst, wenn das Motivmaterial am Ende der vierten in scheinbar improvisierten Passagen zerbröselt oder die Sonaten-Adagios sich in Träumereien verlieren, ist sie in ihrem Element. Den technischen Tücken vor allem der Hammerklaviersonate begegnet sie dagegen mit eilig-eifriger Beflissenheit, zieht Reißleinen ein und setzt retardierende Haltepunkte, statt sich mitreißen zu lassen. Und wenn sie es doch einmal tut, stolpert und trudelt sie schnell, bis die Schlussfuge der Hammerklaviersonate ins Amorphe abdriftet. Bloß keine Schmerzen: Dem Moment der Gewalt bei Beethoven weicht sie tänzelnd aus. Christiane Peitz

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