Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

KLASSIK

Vom Atem

des Ozeans

So ganz bei sich, ganz eins mit seiner musikalischen Sprache ist an diesem Abend im Konzerthaus am Gendarmenmarkt eigentlich nur Leonard Bernstein. Der schrieb 1954 die Musik für den Film „On the Waterfront“ um einen jungen Mann inmitten von Gewalt, prallem Leben und Liebe im New Yorker Hafenmilieu. Die Musik war wohl zu gut, drohte die Bilder an den Rand zu drängen. Jedenfalls fand im Film nur ein Bruchteil davon Verwendung, glücklicherweise hat Bernstein dann eine Konzertsuite daraus zusammengestellt. Und die hat es in sich, das tiefe Atmen des Ozeans meint man raunen zu hören, und viel vor Aggressivität bebende Energie. Aber eben ohne plumpe Filmklischees, ohne aufgesetzten Orchestrierungszauber – Bernstein spricht gerade heraus und authentisch, ohne jede Effekthascherei. Daneben nimmt sich „Amerika. A Prophecy“ von Thomas Adès recht medioker aus. Zwar ehrt es den jungen englischen Komponisten, dass er, als er den Auftrag erhielt, den Amerikanern zur Jahrtausendwende ein Stück zu schenken, ein äußerst schmerzhaftes Thema, nämlich die Auslöschung des Maya-Reichs wählte. Aber mehr als Illustratives ist ihm dazu nicht eingefallen. Und auch die Sinfonie in Fis, die Erich Wolfgang Korngold 1952 vollendete, will nicht recht überzeugen, reiht lediglich Versatzstücke, die der Exilösterreicher für Filmmusiken erdachte, im Dauerexpressivo aneinander. Sei’s drum, der Abend bietet dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von John Axelrod reiche Gelegenheit, im Klang zu baden. Das Blech darf schmettern wie sonst selten, dazu wunderschöne Holzbläsersoli ohne Zahl.

ROCK

Wenn ihr mich nicht wollt,

hau ich ab!

Ein trauriger Flop. Gerade 300 vorwiegend gelangweilte Emo-Fans sind zum Festival „Give It A Name“ in den Columbiaclub gekommen. Sparta , Nachkommen des 2001 zerbrochenen Rock-Genie-Pools At The Drive-In, geben sich alle Mühe. Ein vertracktes Schlagzeug-Intro, dissonantes Gitarrenwimmern, dann stürzen die Lärmwellen von „Sans Cosm“ über das apathische Publikum ein. Schon äußerlich heben sich die schlanken Herren in Hemden von den testosterongetriebenen Kollegen ab, die zuvor aufgetreten sind. Es sind Intellektuelle, die hier die Geschichte des melodischen Hardcores fortschreiben. Sparta rechnen von der Stille aus. Jeder Schrei, jeder Schlag ist bewusst und kunstvoll gesetzt. Breite Riffs und Sirenengitarren jagen sich über Takt- und Tempowechsel, und der zarte Jim Ward betreibt mit seinem heiseren Organ leidenschaftliche Selbstentäußerung. Das Publikum bleibt unterkühlt. „Das hier wird euch aufwecken“, ruft Ward und zieht den Joker: „Taking Back Control“, die Single des aktuellen Albums „Threes“, ist eine geradeaus rockende Punk-Hymne mit rauem Background-Chor, die auch den Ramones gut gestanden hätte. Es hilft nicht. Ward schleudert die Gitarre in die Ecke, verschwindet vorzeitig. Die Headliner Jimmy Eat World übernehmen, ihr College-Soundtrack kommt besser an. Kolja Reichert

KUNST

Wiedergeburt

einer Madonna

Die Madonna hat drei Köpfe. In der Ausstellung der Berliner Gemäldegalerie dokumentieren Röntgenbilder und UVLicht-Aufnahmen die erfolgreiche Restaurierung des großen Altarbildes „Thronende Madonna mit Kind und vier Heiligen“ von Paris Bordon (Kulturforum Potsdamer Platz, bis 8. Juli, Katalog 22 Euro). Röntgenbilder zeigen die unteren, sonst unsichtbaren Malschichten eines Gemäldes – und geben damit wertvolle Hinweise auf die Arbeitsweise Alter Meister. Der Tizian-Schüler Bordon gehörte zu denen, die während des Malens spontan verändert und um die richtige Haltung ihrer Bildfiguren gerungen haben. Das Ergebnis gibt ihm posthum recht: In schönster, weil dynamischer Harmonie thront die Madonna zwischen den Heiligen Rochus, Fabian, Katharina von Alexandrien und Sebastian. Das um 1530 entstandene Gemälde gehört zu den Hauptwerken venezianischer Malerei in der Berliner Sammlung. 2004–2007 wurde es von der Restauratorin Helen Smith dank finanzieller Förderung der Getty Foundation restauriert. Fast eine Neuerwerbung: Zuvor war Bordons Bild wegen zahlreicher Schäden und späterer Übermalungen nur noch eine Ruine. Strahlend wiederhergestellt und seit 1945 erstmals wieder im Originalrahmen präsentiert, hängt es nun neben drei weiteren Werken des farbstarken Venezianers: zwei kleinere stammen ebenfalls aus Berliner Beständen; eine fast zeitgleiche „Sacra Conversazione“ kam als Leihgabe der Galleria Colonna aus Rom. Michael Zajonz

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben