Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Jeder Kiekser

ein Trompetenstoß

Natürlich schwebt die Frage im Raum, wie Joanna Newsom die sinfonischen Songepen ihres Plattenmeisterwerks „Ys“ im Konzert umsetzen wird. Die Hoffnung, dass sie in der ausverkauften Volksbühne mit Orchester spielt, macht das spärliche Bühnenequipment zunichte. Newsom hat die üppigen Streicherarrangements von Van Dyke Parks mit viel Liebe zum Detail für eine Quartettbesetzung mit Violine, Banjo und Schlagzeug eingedampft. Das gelingt, weil die drei wendigen Begleiter auf Newsoms virtuoses Harfenspiel mit höchster Konzentration reagieren. Doch es wäre nur wohlklingendes Kunsthandwerk ohne die Stimme dieser zierlichen Frau im Zentrum, die fast hinter dem birnenförmigen Resonanzkörper ihres Instruments verschwindet. Joanna Newsoms Gesang schwebt in ganz eigenen Sphären. Der mädchenhafte Ton ist nicht Resultat einer technischen Limitierung, vielmehr virtuoses Ausdruckselement. Vom wie ein Trompetenstoß gequetschten Kiekser zum klar fließenden Elfengesang sind es nur wenige Töne. Manchmal muss man an Björk oder Judy Garland denken, aber eigentlich klingt es wie nichts sonst auf der Welt. Scheinbar ohne Anstrengung navigiert Newsom durch die labyrinthischen Strukturen von zehnminütigen Wunderwerken wie „Emily“ oder dem unglaublichen Solostück „Sawdust & Diamonds“. An diesem Abend ist sie die gute Fee, die Wünsche in Erfüllung gehen lässt. Nach knapp anderthalb Stunden erwacht man wie aus einem Traum von einer schöneren Welt.

KLASSIK

Schillernde Farben,

subtile Töne

Wenn man Musik von Dvorák hört, fragt man sich unwillkürlich, was für seltsame Probleme Zeitgenossen wie Mahler wohl auf der Seele gelastet haben. Der junge tschechische Dirigent Jakub Hrusa jedenfalls lässt Dvoráks Karneval-Ouvertüre in der Philharmonie schlank, elegant, im richtigen Moment ein wenig sentimental erklingen, das Stück wiegt sich leicht im Wind wie eine junge Weide. Keine Spur von Fin de Siecle, geschweige denn vom Untergang des Abendlands, dabei war Prag doch auch damals schon nahe bei Wien. Oder doch nicht? Ehrensache, dass das Deutsche Symphonie-Orchester Hrusa im Rahmen der Reihe „Debüt im Deutschlandradio“ nach Kräften unterstützt, geht es doch darum, Nachwuchsmusikern ein Podium zu bieten. Wovon dann auch die 19-jährige Geigerin Nicola Benedetti profitiert. Bestens abgestimmt mit dem Dirigenten genießt sie die glutvollen Passagen in den Ecksätzen, lediglich im Adagio fehlt ihr noch ein wenig Überblick über die weit ausgreifenden Melodiebögen. Dass Christoph Eß das erste Hornkonzert in Es-Dur von Richard Strauß für sein Debüt wählt, ist sicher nicht nur der Namensparallele geschuldet, es gibt schlicht nicht viele dankbare Hornkonzerte. Der 23-Jährige überzeugt besonders im langsamen Satz mit subtilem Tonfall, überraschenden Abschattierungen. Zum Schluss dann noch einmal Dvorák, dessen Tondichtung „Das goldene Spinnrad“ manchen Dirigenten ins Stolpern bringt. Nicht so Hrusa, der sich den schillernden Farben des Stücks selig hingibt. Ulrich Pollmann

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