Kultur : KURZ & KRITISCH

Tobias Haberkorn

ROCK

Jenseits

von Schweden

Herman Düne machen Großstadtfolk. Holzfällerhemden und hippieske Barttracht können’s nicht verbergen: hier wird Balsam für die urbane Lederseele serviert. David-Ivar Herman Düne, Gitarrist und Gravitationszentrum der Familienband, sieht zwar aus wie ein Ortsvorsteher aus Tennessee, dem der Second-Hand-Stylist geraten hat, Schlips und Kragen nimmermehr abzulegen. Der in Paris lebende Schwede singt über Stockholm, San Diego und die sentimentalen Nischen dazwischen. Dass man den Gemeinheiten urbaner Existenz am besten mit melancholischer Ironie begegnet, findet auch das Publikum im Festsaal Kreuzberg . „Pretty hot in here“, grüßt David-Ivar ins ausverkaufte Haus. Der Bandvorsteher spielt pointierte Blues-Licks, dann wieder flottes Fingerpicking, Tyler Cohen lässt hüftschwingende Basslinien laufen , dazu zappelt Néman Herman Düne glückselig am Schlagzeug. Spätestens wenn der Percussionist die Schlägel aus den Händen legt, um ein Trompeten-Solo zu blasen, schwoft die Berliner Lederseele euphorisch.

OPER

Das Zappeln

des Diktators

Solange sich in unseren Parks noch grausamere Szenen abspielen, ist es legitim, dass in der Zwischenaktmusik zu Händels Xerxes Maskenmänner auf einen Sack eindreschen, in dem ein lebloser Körper steckt. Mit ihren Brutalismen in der Manier Calixto Bieitos will Sibylle Polsters Inszenierung für das Studio der Hochschule für Musik Hanns Eisler allerdings keine platt realistische Übertragung aktuellen Zeitgeschehens bieten. Zusammen mit der Bühnenbildnerin Lisa Jacobi verwandelt sie die Oper, die schon im Original zwischen Ernst und Komik changiert, in eine schwarze Komödie in Comicästhetik, bei der Assoziationen an den Hitlerfilm „Der Untergang“ aufkommen. Tenor Joseph Schnurr verwandelt die Parodie eines abgehalfterten Diktators in das Porträt eines verwirrten Menschen, Herdis Anna Jonasdottir verleiht dem Krankenschwesterflittchen Romilda mit ihrem durchschlagkräftigen Sopran Kraft und Restwürde. Sänger wie der Altus Kaspar Kröner als Arsamene demonstrieren, dass man dramatische Wirkungen der Barockmusik auch durch differenzierte Innerlichkeit erzeugen kann (Charlottenstr. 55, weitere Vorstellungen: 28., 30. 4., 3., 5. und 7. 5., 19 Uhr). Carsten Niemann

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