Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Donnergrollen

des Meeres

Zu Beginn steht der Saal in Schweigen: Kirill Petrenko hat um eine Gedenkminute für den verstorbenen Mstislav Rostropowitsch gebeten. Diese kurze Einkehr scheint die Konzentration, mit der Petrenko immer vor das Orchester der Komischen Oper tritt, noch zu intensivieren. Sein vorletztes Sinfoniekonzert als Generalmusikdirektor ist wie aus einem Guss, es bündelt bewegend, was dieser junge Dirigent mit Arbeitsethos und unprätentiösem Auftreten erreicht hat. Gegen Petrenko wirken sie alle eitel, die großen Taktierer, und schwerfällig. Seine Spannkraft zieht die Federn des riesigen Orchesterapparates auf. So stellt sich in der Komischen Oper, die sich bei Konzerten akustisch stets uncharmant zeigt, tatsächlich die Illusion eines ewig rollenden Meeres ein, das Böcklins Toteninsel umspült. Aus der dunklen Motorik von Rachmaninows Sinfonischer Dichtung knüpft Petrenko das Seil, an dem er sich in die Nachtseiten des Leben hinunterlässt. Schostakowitschs 2. Violinkonzert verliert dabei seine vermeintlich altersweise Heiterkeit. Zusammen mit der Baiba Skride kostet der Dirigent die Bitterkeit, ohne das Gesicht zu verziehen. In den Auszügen aus Prokofjews „Romeo und Julia“ schäumt neben schwarzer Galle auch eine unbezähmbare Lust am Spiel auf. Der Saal jubelt!

KLASSIK

Schleiertanz

der Flöte

Was Beethoven verspricht, kann Strauss nicht einlösen: Zum Ereignis des Auftritts der Berliner Philharmoniker mit Iván Fischer wird nicht die fast unbekannte „Josephs Legende“, sondern die „kleine“ achte Sinfonie. Unter Fischers Dirigat kommt zum Vorschein, was man bei diesem Werk oft vermisst: eine Leidenschaft der Diktion, in der sich so viel Dramatik abspielen kann wie etwa in der Fünften. Die Wärme des Klangs kennt noch die Möglichkeit der Harmonie von Mensch und Natur, eine Sonne, die nicht im Klimawandel versengt. Auch das „Mälzel“-Allegretto legt seinen holpernden Spott ab, so duftig schweben die Streicherfiguren über fein ausbalancierten Bläserakkorden. Blendend aufgelegt zeigen sich die Philharmoniker auch bei der „Josephs Legende“ von Richard Strauss, eine 1914 in Paris uraufgeführte Ballettmusik. Bedenkt man, dass dort ein Jahr früher Strawinskys „Sacre“ erklang, dass Schönberg sich wenig später mit biblischen Themen wie der „Jakobsleiter“ auseinandersetzte, dann wirkt von Hofmannsthals parfümierte Episode um den keuschen Hirtenknaben, der Potiphars lüsternes Weib heldenhaft zurückweist, umso befremdlicher. Strauss zeigt sich als Meister der Klangmalerei. Da glitzern die Harfen mit dem rieselnden Goldstaub um die Wette, dürfen Violinen und Celesta zu Josephs Sprüngen zu Gott gen Himmel steigen, ergeht sich die Flöte in den Arabesken diverser Schleiertänze. Die Klangdelikatesse des Orchesters ist ohnegleichen. Und doch versandet in musikalischem Devotionalienflitter, was ein großer Abend hätte werden können. Isabel Herzfeld

KUNST

Aberwitz

des Alltags

Etwas einsam stehen sie vor der Neuen Nationalgalerie , der dicke Römer, Che Guevara und die Dalí-Frau mit Schubfächern im Kleid. Ab und an schlendern Touristen vorbei und fotografieren sich vor dem Commandante mit erhobener Faust. Christian Jankowski , Klassenclown des Kunstbetriebs, hat diese drei lebensgroßen Skulpturen abstellen lassen: Bronzestatuen, die aussehen, als wären sie Menschen, die Bronzestatuen darstellen (bis 30. 4.). So wie in Fußgängerzonen diese geschminkten Kleinkünstler, die sich bewegen, sobald man ihnen Geld in den Hut wirft. Die mit dem Schauder spielen, den beseelte Gegenstände bereiten. Die die Erhabenheit von Denkmälern zitieren und doch nur anstatt auf Sockeln auf alten Koffern stehen. Jankowski mag den Witz, der den Aberwitz des Alltags und der Kunst vor Augen führt: Er lief mit Pfeil und Bogen durch den Supermarkt, fragte Fernsehwahrsager nach seiner künstlerischen Zukunft. Auch in seinen Living Sculptures buchstabiert er den Gag bis ins Detail aus: Das Plastikschwert des Römerdarstellers, der Faltenwurf im Kleid der Dalí-Lady – hier wird es endlich mit echter Bronze veredelt. Nur der Hut fürs Geld fehlt. Kein Wunder, dass sich die Statuen nicht bewegen. Daniel Völzke

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben