Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Ehrlicher

spielen

Konzerte wie diese sind selten geworden: Um nichts geht es hier außer um die Musik selbst, „Klassik pur“, wie man sie kaum mehr anzubieten wagt. Trotzdem hat sich das Vogler-Quartett eine Anhängerschaft erworben; bei der eigenen Reihe im Konzerthaus ist die Begeisterung groß. Seriös, im Verzicht auf Überraschungen umso eindrücklicher, auch das Programm: Schuberts Quartettsatz in c-Moll erklingt in vorbildlicher Balance zwischen dem tragenden Ton des Primarius Tim Vogler und den fein gesponnenen „Begleitstimmen“ seiner Mitstreiter. Heftige Kontraste beleben die ausgeglichene Spielweise, die auch im lieblichen Seitenthema keine sentimentale Süße kennt. Der Dur-Moll-Konflikt spitzt sich zu in Schostakowitschs Quartett Nr. 11 in f-Moll – fragiles Linienwerk, dessen „lustige“ Glissandi in schwere Seufzer übergehen, dessen wild „folkloristische“ Ausbrüche. Hier berührt Vergeblichkeit, die Beethoven im Kraftakt der Großen Fuge op. 133 in den Höhenflug zu „Letzten Dingen“ umdeutet. Allein diesen Satz als Finale des späten B-Dur-Quartetts zu spielen, zeugt von höchstem Anspruch, stellt verlorene thematische Zusammenhänge wieder her. Sie deuten auf das, was Beethoven in der Neunten Sinfonie ausspricht: Auch die Große Fuge ist eine „Ode an die (schwer errungene) Freude“. Wie in dieser fast undurchdringlichen Polyphonie die Musiker aufeinander hören, Geben und Nehmen stattfindet, das zeigt: Streichquartett ist eine konservative – und zeitgemäße Kunst.

KUNST

Schöner

wohnen

Die Fahne hängt neben rosa Plastikblumen, Satellitenschüsseln und einem türkisen Sonnenschirm. „Gute Aussichten“ steht auf dem Banner – obwohl der Balkon im ersten Stock kaum einen Blick auf den kleinen Kanal bietet. Zwei Stockwerke höher müsste die Sicht deutlich besser sein, gleichwohl ist hier „Aussichtslos“ zu lesen. Die Fahnen sind keine Bestandsaufnahmen der Sichtverhältnisse, sondern flatternde Antworten auf die Frage, wie die Hausbewohner ihre Zukunft sehen. Die Gruppe „Department für öffentliche Erscheinungen" hat für der Ausstellung urban interface im Sparwasser HQ (Torstraße 161, bis 6. 5., täglich 16 - 19 Uhr) die Mieter zwischen drei Möglichkeiten entscheiden lassen, viele wählten die positivste Variante. Acht Arbeiten sind so in Mitte, Wedding und Gesundbrunnen entstanden. Niklas Goldbachs Ankündigung eines luxuriösen Wohnbauprojekts am nördlichen Ende der Ackerstraße, jenseits der Bernauerstraße, übertritt dabei eine unsichtbare Grenze, denn er befindet sich damit fern der schicken Mitte. Ein paar Meter weiter südlich wären die Werbeslogans vor der realen Baulücke und das Montagefoto gar nicht aufgefallen. Hier jedoch kontrastieren sie mit der desolaten Umgebung und entlarven die vielen Parallelwelten Berlins. Laura Weißmüller

ARCHITEKTUR

Sanfter

bauen

„Ristock, wir warnen dich“, lautete Anfang der siebziger Jahre der Kampfruf von Mieterinitiativen gegen Berlins damaligen Bausenator. Viel zu lange war „Sanierung“ ein Synonym für Entmietung und Abriss gewesen. Am Charlottenburger Klausenerplatz renovierte man anlässlich des Europäischen Denkmalschutzjahres 1975 über 400 Altbauwohnungen; erstmals wurden dort Wohnhäuser aus dem späten 19. Jahrhundert ressourcenschonend repariert und nicht durch gesichtslose Neubauten ersetzt. Und erstmals setzten die Mieter durch Wortmeldungen ihre Bedürfnisse durch – oft gegen den Willen der Bauverwaltung und Hausbesitzer. Die behutsame Stadterneuerung war geboren. Ihr Vater: der Architekt Hardt-Waltherr Hämer .

Zu seinem 85. Geburtstag präsentiert nun die Universität der Künste eine Ausstellung aus Beständen seines Archivs, das er seiner ehemaligen Hochschule übergeben hat (bis 4. 5., Foyer des Hauses Einsteinufer 43–53, Begleitbuch 12 €). Zwischen 1979 und 1985 war Hämer Planungsdirektor für Stadterneuerung der Internationalen Bauausstellung Berlin und damit für das neue Image der westlichen Teilstadt ebenso verantwortlich wie der Chef der IBA-Neubauten, Josef Paul Kleihues. Vom typischen Architektenehrgeiz, möglichst viel zu bauen, hält Hämer nichts. Dennoch realisierte er ein paar bemerkenswerte Bauten: um 1950 eine wunderbare Schifferkirche in Ahrenshoop auf dem Darß oder bis 1966 das Theater von Ingolstadt. Beides restauriert Hämer seit ein paar Jahren selbst: ein behutsamer Erneuerer. Michael Zajonz

0 Kommentare

Neuester Kommentar