Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Völzke

POP

Die Burschen

mit den Schnitzelbeats

Oh, geht’s schon los? Der begnadete Sänger Daníel Ágúst, einst die Stimme von Gusgus, steht allein auf der Bühne der Maria am Ostbahnhof und bestreitet das Vorprogramm für seine ehemaligen Bandkollegen. Gusgus startete als zwölfköpfiges Kollektiv aus Musikern, Künstlern, Schauspielern und Filmemachern. Ihre obskure Electronica prägte die Neunziger. Aus Island, so wusste man fortan, kommt nicht allein Björk, sondern allerhand anderes krudes Zeug. Zwölf Jahre und fünf Alben später ist Gusgus zum Trio geschrumpft. Knarzig klingen die Stücke auf dem kürzlich erschienenen Album „Forever“, knarzig beginnt der Berliner Abend ihrer „Schnitzel on the Highway“-Tour.

Biggi Veira und President Bongo verschanzen sich hinter Synthesizern und eröffnen die wunderbare Rave-Revue mit Sounds, die wie aus der Tiefe zwischen Gletscherspalten hervorpumpen. Die Sängerin Earth betritt mit zwei Gespielinnen die Bühne; sie haben sich im Schwarzlicht leuchtende Kriegsbemalung und jede Menge Tüll angelegt, tanzen wie Marionetten, singen wie Göttinnen. Kein Jazzgefrickel mehr, keine überspannten Postrockraffiniertheiten, sondern House, geradeheraus. Zwischen den langen Tracks überrascht President Bongo als dadaistischer Conférencier, der in eine Ananas telefoniert. Ágúst singt die aktuelle Single „Moss“, ein warmes, irgendwie moosiges Stück vom Wahnsinn der Liebe. Es könnte eigentlich so weitergehen, Moossounds, Schnitzelbeats, Ananasgags, erst mal für immer.

ARCHITEKTUR

Die Herren

von der Schlossallee

Als Elizabeth Phillips 1904 das Spiel „Monopoly“ patentieren ließ, konnte sie nicht ahnen, dass ihr Immobilienspielklassiker auch hundert Jahre später noch als Topos für diffuse politische Ängste herhalten muss: Die Akademie der Künste lud unter dem Titel Monopoly zum „Gespräch über Architektur und Stadt“ an den Pariser Platz und wärmte dafür gut abgehangene Klischees noch einmal auf: Investoren sind geldgierig, Privatisierung böse und Bürger gut und bedroht. Zum Austausch derartiger pauschal antineoliberaler Allgemeinplätze hatte die Akademie der Künste mit Gustav Peichl aus Wien und Albert Speer junior aus Frankfurt ausgerechnet zwei Architekten eingeladen, die beide weit über 70 Jahre alt sind – ebenso wie Moderator Peter Conradi, der einmal mehr vom Münchner Olympiadach 1972 schwärmte. Im Hinterkopf erklang Klaus Lages „bildliche Kapitalismuskritik“ auf ähnlichem Niveau „... wir sind nur die Randfigur in einem schlechten Spiel. Und die Herren der Schlossallee verlangen viel zu viel!“ Da ist selbst der Spieleverlag mittlerweile weiter: Seit Januar wurden Wasser- und Elektrizitätswerk durch Anlagen für Erneuerbare-Energie-Erzeugung wie Solar- und Windkraftanlagen ausgetauscht. Fazit der Plaudereien: Man kann alles machen, es muss nur gut sein. Der Akademie möchte man zurufen: Gehen Sie endlich über Los! Die 4000 DM eingezogen haben sie ja schon! Ulf Meyer

KLASSIK

Die Mädels

mit der Violine

Zum dritten Mal widmet sich das Ensemble Spectrum Concerts Berlin dem Schaffen Ernst Tochs: Im Kammermusiksaal entsteht ein fesselndes, facettenreiches Bild des Wiener Tonsetzers, der vor den Nazis ins US-Exil floh. Am stärksten prägt sich das Klavierquintett op. 64 ein – ein echter „Schinken“, 1938 am Strand von Malibu geschrieben, unmittelbar vor einer siebenjährigen Schaffenspause. Der Komponist verstummte in den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und persönlichem Leid. Doch noch wogt der Klang ozeanisch. Zugleich wird die spätromantisch eingefärbte Konvention immer wieder solistisch aufgesprengt, erheben die virtuose Violine der Annette von Hehn oder die klangvolle Viola Hartmut Rohdes einsam umherschweifende Stimmen. Von Hehn macht auch die mehr dem zwölftönigen Idiom angelehnte Violinsonate von 1928 zum fulminanten Ereignis; ihr Klavierpartner Daniel Blumenthal schlägt tänzerische Funken aus den frühen „Burlesken“. In diesem großartig komponierten Programm werfen Robert Schumanns „Fantasiestücke“ für Klavier und Klarinette sowie Paul Hindemiths Klarinettenquartett neue Lichter auf Toch, diesen „am gründlichsten vergessenen Komponisten des 20. Jahrhunderts“. Beiden Werken gibt Lars Wouters van den Oudenweijers Klarinetten den unverwechselbaren Klang. Bei Hindemith – 1938 wie das Toch’sche Quintett entstanden – überrascht mit weitschwingendem Melos. Schumann beglückt mit einem melancholischen Aufschwung, der die in die Augen treibt. Isabel Herzfeld

KUNST

Die Damen

aus dem Fotolabor

Gymnastik ist kein Sport. So sahen es jedenfalls Louise Langgard und Hedwig von Rohden, die 1919 – im Gründungsjahr des Bauhauses – bei Fulda die Siedlung Loheland errichteten. „Bewegung ist ein Element des Lebens“, verkündeten die Gründerinnen der Ausbildungsstätte für Gymnastiklehrerinnen – und weiteten ihr Lehrangebot auf Produktwerkstätten, Agrarwirtschaft und eine Lichtbildwerkstatt Loheland aus, die 1939 geschlossen wurde. Abgesehen von Gebrauchsgegenständen wie Taschen, Körben und Produkten aus der Töpferwerkstatt konzentriert sich die Ausstellung im Bauhaus-Archiv auf Fotografien: Ausdruckstanz, Rhönlandschaften und Fotogramme, die den Bauhäusler László Moholy-Nagy beeinflussten (Klingelhöferstr. 14, bis 9. 7., Mi.–Mo. 10–17 Uhr). Die Loheländerin Bertha Günther könnte sogar die Erfinderin des Fotogramms sein, bei dem Objekte direkt auf dem Fotopapier arrangiert werden. Wie tanzende Geisterschatten reihen sich Blütenblätter und Gräser auf den um 1920 entstandenen „Bildern ohne Kamera“. Neben Bilddokumenten vom Gemüseanbau im Sinne der anthroposophischen Lehre und einer Doggenzucht, mit der Hedwig von Rohden das Projekt finanziell absicherte, faszinieren Tanzfotos. Der Loheland-Ausdruckstanz zeigt, wie die Gründerinnen ein emanzipatorisches Frauenbild prägen wollten – sich in der NS-Zeit aber anpassen mussten. Jens Hinrichsen

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