Kultur : KURZ & KRITISCH

Matthias Nikolaidis

KLASSIK

Nach Luft

schnappen

Jean Sibelius – da denkt man an die finnische Landschaft mit ihren traumhaften Weiten und mysteriösen Nebeln. Die georgische Violinistin Lisa Batiashvili allerdings sieht Sibelius’ Violinkonzert zuallererst als fesselnde Seelenschilderung: Batiashvilis Version verfügt über eine intakte Klangmagie, ihr Ton ist ebenso satt und erdig wie brillant und gestochen scharf, voll biegsamer Energie und Sensibilität. Der Däne Thomas Dausgaard weiß die erhabenen Stellen der Partitur mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin in der Philharmonie durchaus auszukosten, bleibt letztlich aber gegenüber der brillanten Solistin etwas blass. An der unteren Schallgrenze, fast zaghaft lässt er Alexander von Zemlinskys symphonisches Gedicht „Die Seejungfrau“ beginnen. Dann aber zieht er das Tempo an, formt geradezu realistische Wirkungen: das Vibrieren der Wogen in Holzbläsern und Streichern, ein Schnappen nach Luft, die graue Melancholie des Abschieds. Als Apotheose steuern die exquisit gedämpften Trompeten und Posaunen des RSB einen würdevollen „Salome“-Tempel-Ton bei.

ROCK

Den Beat

suchen

Kele Okereke ist der Schmerzensmann des neuen Britpops. Seine Texte handeln von Rassismus, Terror-Paranoia, Krieg, Depression und Liebesleid. Auf Fotos schaut er meist traurig in die Kamera. Doch der Sänger von Bloc Party kann auch anders: Breit grinsend und sichtlich guter Laune hängt er sich eine Gitarre um, als er auf die Bühne der seit Wochen ausverkauften Columbiahalle kommt. Das Londoner Quartett legt los mit „Song For Clay (Disappear Here)“, dem sperrigen Eröffnungsstück seines sehr ambitionierten zweiten Albums „A Weekend in the City“. Die mitunter nah am Prog-Rock operierenden Stücke funktionieren live erstaunlich gut. Eine echte Attraktion ist dabei das Schlagzeugspiel von Matt Tong: Er hämmert vertrackte, hektische und gebrochene Beats aus seinem schneeweißen Drumset, schlägt nur selten einfach den Takt durch, was das Mittanzen zur echten Herausforderung macht. So werden denn auch die alten, direkteren Stücke wie „Banquet“ freudig aufgenommen. Doch Bloc Party bremsen die Euphorie sofort wieder, indem sie mit dreistimmigem A-capella-Gesang das bittere „Where Is Home?“ eröffnen. Okereke, dessen Eltern nigerianische Einwanderer sind, besingt darin seinen „Second Generation Blues“.

Erst im letzten Drittel des 90-minütigen Konzerts lässt der Sänger Partystimmung aufkommen und schmeißt sich sogar in die Menge. Für die Zugaben wird ein zweites Schlagzeug aufgebaut, das bei „Sunday“ von Bassist Gordon Moakes gespielt wird: Wie ein doppelter Kopfschmerz pochen die Drums durch diesen Song über ein Paar mit Kater. Fürs Schädelbrummen der Fans werfen Bloc Party noch zwei Kracher vom ersten Album hinterher. Nadine Lange

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