Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Rhythmus

und Raffinesse

Wer glaubt, Crossover sei eine Marketingerfindung, kann sich von Martha Argerich eines Besseren belehren lassen. Bei den Berliner Philharmonikern bewies die argentinische Pianistin, wie überzeugend Ravels Klavierkonzert in G-Dur die Grenze zwischen Klassik und Jazz aufhebt. In ihrem Spiel fügen sich virtuose Präzision und jazziges Relaxen, die Lust am charakteristischen, schmutzigen perkussiven Ton und der Sinn für delikate impressionistische Instrumentationseffekte zu einer überzeugenden Einheit. Allerdings gehört es auch zu Argerichs Qualitäten, dass sie nicht nur Charismatikerin, sondern auch überzeugte Kammermusikerin ist – und die hätte gerade bei Ravels partnerschaftlichem Konzert eines Gegenübers bedurft, der sie aus der letzten Reserve hätte locken können. Das gelang Ion Marin trotz seines ebenfalls ausgeprägten Charismas nicht. Der Dirigent ist ein starker Lyriker und ein Mann mit unbändiger Lust an der großen Geste, dem in Prokofjews Ballettsuite aus „Romeo und Julia“ so auch packende plastische Szenenschilderung gelang. Wenig überzeugend ist er jedoch als Rhythmiker, ließ den gesamten Abend Impuls und Trennschärfe vermissen. Schade – schließlich heißt es bei den Philharmoniker nicht nur beim Jazz: Rhythm is it!

ROCK

Wachschlaf

eines Wiedergängers

Das Lido mit seiner Wohnzimmer-Atmosphäre ist ein passender Ort für den intimen Gesang Tom Liwas und den schluffigen Sound seiner wieder vereinigten Flowerpornoes . Liwa, gekleidet in eine weiße Anstaltskluft, schaut drein wie gerade aufgestanden, und auch die Kollegen schraddeln sich müde durch das erste Stück: „Ich will nun mal irgendwohin“ vom Album „Ich & Ich“, mit dem sich die Indie-Rocker 1996 verabschiedet hatten. Bassist Markus Steinebach blickt traurig ins Leere, Liwas Schwester Birgit Quentmeier wirkt am Keyboard wie versteinert. Und der Sänger selbst, der sich doch auf Konzerten gerne zu langen Geschichten hinreißen lässt, nimmt sich kaum die Zeit, sich auf sein Publikum einzulassen. Seine Stimme klingt angestrengt, lustlos. Ist es Unsicherheit oder Unzufriedenheit? Das Comeback-Album „Wie oft musst du vor die Wand laufen...“ bietet wahrlich keinen Grund, sich zu schämen. Das luftig-leichte „Tänzer“ hat Atmosphäre, die Single „Rock’n’Roll“ klingt satt und dicht. Als sich während der Zugabe die Bassdrum verabschiedet, wacht die Band endlich auf, Tom Liwa reißt Witze und singt dann Bob Dylans „I shall be released“. Es klingt schrottig, aber zeigt Hingabe. Kolja Reichert

KLASSIK

Brisanz

und Burleske

Die Bühne eine Rumpelkammer: Rechts ein Haufen Schlaginstrumente, links lauter Stehpulte – was geht da vor im Konzerthaus ? Zunächst einmal gibt es Haydn vom Bühnenrand und im Stehen. Lothar Zagrosek lässt sein Konzerthausorchester in schlanker Besetzung die 88. Sinfonie spielen, er macht das pfiffig und zupackend in den Ecksätzen, mit viel Freude am Burlesken. Danach „Air“ für Schlagzeug und Orchester von Helmut Lachenmann. Zagrosek nimmt den Komponisten gleich mit auf die Bühne, zusammen moderieren sie über die Umbaupause hinweg. In beispielhafter Konzentration und Detailschärfe gerät diese Aufführung des 1969 komponierten Werks. Es ist eine Odyssee unerhört fein ausgehörter Klänge, vieles klingt wie liebevoll in Zellophan gewickelt, dann wieder wie auf dem Zahnhals geschmirgelt. Raffiniert setzt Lachenmann erregende Klangmomente – darunter eine Akkordsäule, die wie ein Kristallfelsen aus dem Meer zu ragen scheint – gerade so oft ein, dass die Hörer bis zum Schluss bei der Stange bleiben. Nach der Pause zeigt sich das Orchester in Richard Strauss’ „Don Juan“ in Bestform. Zagroseks Behauptung, das Konzerthaus sei heute ein Museum für musikalische Großereignisse, mag nach aufgeblasenen Backen klingen. Aber der Mann hat recht. Ulrich Pollmann

KLASSIK

Monolog

eines Prunkbaus

„Einklang und Widerhall. Architektur und Musik im Dialog“ heißt die Veranstaltungsreihe. Schon beim Lesen des Programms musste der Verdacht aufkommen, dass beim Konzert des RIAS-Kammerchores in der Jugendstil-Treppenhalle des Landgerichts Berlin-Mitte der Dialog zuungunsten der Musik ausgehen würde: 30 Vokalstücke, Hindemith, Schönberg, Kurtág, Ullmann, Krása, Schumann, Eisler, Holliger sowie eine Uraufführung – das war zu viel. Zudem war die Ankündigung, nach einer zweiten Pause könne man sich von Brahms und Schumann „einlullen“ lassen, keine Hilfestellung für Hörer, die von der unkontrollierten Stilvielfalt ermüdet waren.Das in Sanierung befindliche Gebäude wollte man mit den entsprechend sich wandelnden musikalischen Zeitläuften konfrontieren. Doch Musik hängt man nicht in einen Raum wie Bilder einer Ausstellung. Hier hing sie am Ende durch, mit einem Nachhall von mindestens acht Sekunden. Die Musiker und die sechs Vokalsolistinnen des Chores unter Leitung von James Wood stellten sich bei Schönbergs „Pierrot lunaire“ so gut es ging auf die befremdlichen Verhältnisse ein – es blieb beim Monolog des wilhelminischen Prunkbaus. Matthias Nöther

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