Kultur : KURZ & KRITISCH

Nadine Lange

ROCK

Die Kunst

des Kopfnickens

Es bollert wie im Maschinenraum eines alten Dampfers. Mit bis zu drei Gitarren und einer mächtigen Rhythmussektion entfachen die Queens of the Stone Age im Columbia Club gewaltigen Lärm. Sie stellen bei einem exklusiven Deutschlandkonzert erstmals Stücke aus ihrem im Juni erscheinenden fünften Album „Era Vulgaris“ vor. Der Queens-typische Pop-Appeal scheint etwas in den Hintergrund gedrängt worden zu sein. Eingängige Groovemonster wie „The Lost Art Of Keeping A Secret“ oder „Go With The Flow“ sind beim einstündigen Auftritt nicht auszumachen. Dafür gibt es eine Ladung trockener Riffs, die an die Kinks oder an Metallica erinnern. Meist klingen sie aber einfach nur nach Josh Homme, dem genialischen Wüstenrockmeister und Chef der Steinzeitköniginnen. Unterstützt wird Homme vom Ex-Perfect-Circle-Gitarristen Troy Van Leeuwen, dessen Pedal-Steel-Einwürfe dem Live-Sound spannende Akzente verleihen. Im Studio waren außerdem Trent Reznor, Julian Casablancas, Billy Gibbons und natürlich Mark Lanegan zu Gast. Die neuen Songs werden vom Publikum mit freundlichem Kopfnicken aufgenommen. Richtige Freude kommt aber erst bei älteren Stücken wie „Feel Good Hit of the Summer“ auf. Ob den Queens wieder ein Sommerhit gelungen ist, wird sich bald zeigen.

KLASSIK

Die Schwüle

der Schwermut

In der Musikstadt München, jawohl, füllen diese Interpreten mit diesem Programm nahezu problemlos den Herkulessaal (1300 Plätze). In der Musikstadt Berlin hingegen bleibt der Kammermusiksaal am Sonntag zur Hälfte leer. Das Wetter zu strahlend? Die Konkurrenz mit Martha Argerich nebenan und Netrebko & Villazon in der Staatsoper kulinarisch zu schlagend? Oder die Aussicht auf drei schwergewichtige, mit der Form hadernde Gedankenmusiken gar von vorneherein zu erschöpfend? Brahms’ hoch expressives erstes (op. 51,1) und Schönbergs hoch depressives zweites Streichquartett (op. 10) sollten an diesem Abend Jörg Widmanns „Versuch über die Fuge“ von 2005 gleichsam unter ihre spätromantischen Fittiche nehmen. Eine kluge, sinnfällige Dramaturgie, die das Artemis Quartett durch ein prickelndes Gegenlesen der Partituren zu stützen weiß. Während bei Brahms in der Tongebung Schattenhaftes, netzartig Glitzerndes überwiegt (nicht nur in der Romanze!), und die große, lyrische Kantilene bisweilen vor ihrem eigenen Gestus zu erschrecken scheint, atmet Schönberg die ganze Schwüle und Schwere der „Hängenden Gärten“. Mit untrüglicher Musikalität nähert sich Juliane Banse hier den George- Gedichte des dritten und vierten Satzes (nur leider versteht man textlich nicht allzu viel). Und die Sopranistin ist es auch, die das quasi theatralische Geschehen in Widmanns „Versuch“ lenkt: Eine Musik buchstäblich auf der Flucht, mal in eisiger kathedralischer Schönheit verharrend, mal dissonant witzelnd, mal sich an belcantistischem Eros labend. Inbrünstiger Beifall. Christine Lemke-Matwey

KLASSIK

Morgen setzt

die Stimmflut ein

Die Beziehungen zwischen Strauss, Wagner und Liszt stehen im Zentrum des zweiteiligen Projekts im Konzerthaus mit dem Pianisten Louis Lortie . Höhepunkt des Abends mit der Mezzosopranistin Michaela Schuster im kleinen Saal ist Liszts nahezu unspielbare „Tannhäuser“-Paraphrase: Wie Lortie die Umspielungen des „Pilgerchors“ mit ihren horrenden Sprüngen und Repetitionen meistert, dabei die Melodik aus Bass und Mittelstimmen klar hervorleuchten lässt, während das Tremolo-Feuer im Venusberg gefährlich züngelt, und schließlich alles im vollgriffigen Triumph voll wirbelnder Oktavkaskaden mündet – das zeigt das Potenzial dieses Pianisten. Lorties Anschlagskunst äußert sich vielschichtig-filigran auch in „Isoldes Liebestod“, schwingt sich zu einem ekstatischen Klangrausch auf, der gleichwohl in den Fortepartien weich und rund bleibt. Ein perfekter Übergang zu Wagners „Wesendonck“-Liedern, denen Schusters flutender Mezzo dramatische Spannung, aber weniger Feinzeichnung verleiht. Doch das Flair der Orchesterfassung lässt sich auch mit noch so subtilen Anschlagskünsten nicht erreichen, und auch die übrigen Gesänge kranken oft an der Diskrepanz von allzu opernhaftem Gestus und feiner Liedbegleitung. Am plastischsten in der Liszt- Gruppe geraten die „Drei Zigeuner“, während „Es muss ein Wunderbares sein“ die Zartheit fehlt. Und für diverse Strauss-Lieder mangelt es Schuster an differenzierter Textausdeutung und Klarheit der Diktion, um etwa die atemtechnisch schwierigen Linien von „Morgen“ in ihren Schwingungen nachzuzeichnen und auch die „Georgine“ nicht in der Stimmflut zu ertränken. Isabel Herzfeld

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben