Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

KUNST

Patriotismus

und Demokratie

Nach der Denkmaldebatte ist vor der Denkmaldebatte. Zehn Jahre lang wurde in Berlin um die Gestaltung des Holocaust-Mahnmals gerungen, und schon kündigt sich ein neuer brisanter Denkmalstreit an. Im vergangenen November veranstaltete die Deutsche Gesellschaft die erste von drei geplanten Anhörungen, um Ort, Gestalt und Inschrift eines Nationaldenkmals in Erinnerung an die friedliche Revolution in der DDR 1989/90 festzulegen. Derzeit läuft dazu unter den Studierenden deutscher Kunsthochschulen sogar ein Wettbewerb. Bevorzugter Ort der Denkmalprotagonisten: der leere Sockel des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals am Berliner Schlossplatz. Höchste Zeit also, um über „Nationale Denkmäler im Spannungsfeld von Patriotismus und Demokratie“ zu sprechen.

Zur Podiumsdiskussion geladen hatte die Bundeszentrale für politische Bildung ins Zeughaus-Kino des Deutschen Historischen Museums . Doch zwischen den Kunsthistorikern Michael Diers und Jörg Schilling , dem Politikwissenschaftler Yves Bizeul , dem Journalisten Konrad Adam , dem Kommunikationsmanager Peter Plattner und dem DDR-Denkmalspezialisten Peter Müller wurde wortreich am Thema vorbeigeredet. Es bedurfte erst Nachfragen aus dem Publikum, ehe man das altfränkische Begriffspaar Nationaldenkmal und Patriotismus diskutierte und verwarf. Stimmt schon: Patriotismus gehört auf den Fußballplatz, nicht auf den Sockel.

POP

Zitate

und Party

Schafft zwei, drei, viele Pet Shop Boys ! Die in Neon getauchte Bühne des Tempodroms betreten drei Neil Tennants in Frack und mit Zylinder und drei Chris Lowes in Regenjacke und mit Sonnenbrille und Basecap. Sie reichen sich die Hände und los geht’s. Der echte und einzige Neil Tennant greift sich das Mikro und beteuert in Anspielung auf einen Song von My Robot Friend: „We are the Pet Shop Boys.“ Das Hitrepertoire des britischen Duos ist mittlerweile so angewachsen, dass es Zeit und Kräfte übersteigt, es umfassend an einem Abend vorzutragen. Sie bräuchten tatsächlich Klone.

Gegen Ende der immerhin zweistündigen Show, mit der die Deutschlandtour beginnt, werden die drei Backgroundsänger medleyartig Vergessenes zusammenfassen. Die Pet Shop Boys motzen die Erfolgstitel der achtziger Jahre mit einer Soulsängerin und schäbigen Dancebeats auf, was den Hits die Kühle und Sehnsuchtsschwere nimmt. Überhaupt überwiegt die Partylaune, von Sängern und Tänzern mit viel Hallo unterstützt. Es treten auf: der traurige Rotarmist, der fröhliche Cowboy und andere Village People, die Surferjungs, Eastend-Boys, Westend-Boys, ein tanzender Zylinder, die Trauergemeinde der Lady Di und die falschen Pet Shop Boys. Alles schön ironisch, camp, zitatenreich – was den beiden Herren gerade im Alter gut steht. Lowe haut stoisch wie stets in die Tasten, Tennant, stattlicher denn je, macht den Eindruck, als fiele ihm auch weiterhin noch jede Menge ein zur großen Popsause. Daniel Völzke

KLASSIK

Klage

und Glorifizierung

Für einen künstlerischen Chef spricht nicht zuletzt die Konkurrenz, die er sich im eigenen Haus schafft. Als ehemaliger Assistent von Daniel Barenboim ist Phi lippe Jordan an der Staatsoper Unter den Linden kein Fremder, aber seit Beginn der jetzigen Spielzeit tritt er als Principal Guest Conductor auf. Und sein Abend im voll besetzten Konzerthaus zeigt, dass Jordan neben GMD Barenboim und der älteren Generation der Gielen und Boulez eine Attraktion für die Staatskapelle ist.

Sein Programm will alles umfassen: „Stele“ von György Kurtág, ein leises Stück für großes Orchester, ein Lamento wie ein geheimnisvolles Spiel des Windes, das die Berliner Philharmoniker 1994 als Auftragswerk mit Claudio Abbado uraufgeführt haben. Dann das „Heldenleben“ von Richard Strauss, ein lautes Stück für großes Orchester. Dazwischen spielt Hélène Grimaud, in der Werbung eine Art Anna N. des Klaviers, das letzte Konzert von Béla Bartók. Bewundernswert ist die Leichtigkeit ihrer Interpretation, die Eleganz ihrer Finaleffekte. Auch konzentriert sie sich vorbildlich darauf, im Adagio religioso die Bläser ruhig zu begleiten. Dennoch liegt ein „Glanz des Abschieds“ der Virtuosin naturgemäß noch fern. Pianistisch ist sie für das Konzert quasi überqualifiziert.

Mit pantomimischer Intensität, sprechender Gestik und zugleich weitgespannten Bögen steuert Jordan die Tondichtung um den „Helden“ Strauss, um dessen „Widersacher“ und „Gefährtin“ ins absolut Musikalische. Die Musik ist ja reich genug in ihren Akkordfarben, reich genug wie der Klang der Staatskapelle, der silberne Rosen regnen lässt. An der Solovioline umgibt Lothar Strauß das Bild der kapriziösen Geliebten mit feiner Doppelgriff-Lyrik. Der junge Dirigent Jordan will den „Helden“ mit dessen spätromantischer Selbstglorifizierung nicht vom Sockel stoßen. Vielmehr ist die fulminante Interpretation geeignet, mit diesem „Heldenleben“ eine ganze Epoche lebendig zu machen: Das wilhelminische Zeitalter schwelgt in seinen brillantesten Tönen. Sybill Mahlke

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben