Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

MUSIKTHEATER

Geschichten aus

der Unterwelt

Theater im Schacht: Behutsam werden die Besucher in zwei Gruppen in die Kellergewölbe unter der Passage in der Karl- Marx-Straße geführt, festes Schuhwerk ist anzuraten. Vorbei an pittoresk aus den Wänden wachsenden Schlauch- und Rohrgewächsen, alles wie zufällig und doch wohl inszeniert, begegnet man auf dem Weg zu den Stühlen einem schuftenden Zwangsarbeiter. Und ahnt: Hier wird Zeitgeschichte erzählt, an diesem Ort ist viel passiert. „Passagiere im Kegelkeller“ heißt die neueste Produktion der Neuköllner Oper , die – ganz in der Tradition des Hauses – alternative Geschichtsschreibung als Ortsbegehung betreibt. Das Schauspieler- und Musikertrio schindelkilliusdutschke führt durch eine lockere Nummernrevue, insgesamt dreimal wandern die drei mit den Zuschauern von Verließ zu Verließ.

Ein Raum mit skelettierten Überresten der Kegelbahn bildet Ausgangs- und Endpunkt der Reise, vielfältige Erinnerungen werden inszeniert: Eine alte Frau berichtet per Telefon von einer rührenden Operettenaufführung inmitten von Trümmern und Kälte im Jahr 1946, Hitlerjungen üben parieren. Ganz wunderbar auch, wenn Rainer Killius, auf obskure spiritistische Aktivitäten anspielend, hier den Magier gibt. Und dabei vom Absurden allmählich zum Gruseligen wechselt, auf Hinrichtungen in den Passagen anspielend. Höhepunkte setzt Tobias Dutschke, der Heidegger’sche Sentenzen zu Vergangenheit und Gewesenheit, aber auch Parolen seines Namensvetters Rudi Dutschke (der hier aufgetreten ist) grotesk-überexpressiv zum Besten gibt. Das hätte selbst ein Klaus Kinski nicht besser gekonnt.

POP

Kleider machen

Flügel

Hilfe, die Kostümrocker sind wieder da! Seit ein paar Jahren ist die Lust an abgedrehten Verkleidungen in der Popmusik wieder salonfähig. Bands wie die Dresden Dolls oder The Decemberists treten bei Konzerten auf, als hätten sie sich ihren Bühnenfummel beim Ausverkauf im Theaterfundus zusammengeramscht. Auch Of Montreal , die keineswegs aus der kanadischen Metropole, sondern aus Athens, Georgia, stammen, beweisen im Lido Mut zu schräger Maskerade. Gitarrist Bryan Poole sieht mit Monsterkoteletten, Topffrisur und angeklebten Stummelflügeln wie ein aus dem Rockhimmel herabgestiegener Wiedergänger von Stones-Gründungsmitglied Brian Jones aus. Bassmann Matt Dawson trotzt der Raumtemperatur und trägt stoisch Fellmütze zur Kasatschok-Fantasieuniform, während der flamboyante Sänger Kevin Barnes von Hotpants mit Netzstrümpfen für ein Stück in ein bizarres Hohepriestergewand auf Stelzen umsteigt.

Die Musik des Quintetts entpuppt sich live als wohl organisiertes Chaos, ein wüster Stilmix aus spillerigem Seventies- Glam, melodieverliebtem Indiepop, psychedelisch vernebeltem Acid-Rock, scheppernden Discobeats und funkensprühender Lo-Fi-Elektronik, gekrönt von Barnes jubilierendem Falsett. Klingt ungefähr so, als würden die Scissor Sisters auf einer Party gemeinsam mit New Order und Prince Songs von den Shins spielen. Also ziemlich großartig. Als Zugabe beamen Of Montreal David Bowies „Moonage Daydream“ mit zartestem Harmoniegesang und ohrenbetäubend geschwungener Gitarrenaxt in interstellare Spiralnebel – ein wunderbar anmaßender Abschluss für einen grandiosen Auftritt. Jörg Wunder

ARCHITEKTUR

Rostlauben und

andere Baustellen

Sie sind zwischen dreißig und fünfzig und damit eigentlich im besten Häuseralter – aber eben doch schon ein bisschen in die Jahre gekommen. Mit der Ausstellung Weiterbauen 2007 – Späte Moderne in der BDA-Galerie (Mommsenstraße 64, bis 14. Juni) lenken die Landesverbände des Bundes Deutscher Architekten (BDA) und der Landschaftsarchitekten (BDLA) zusammen mit dem Landesdenkmalamt den Blick auf das jüngste Architekturerbe Berlins: auf Gebäude, die durch Ergänzungen und Restaurierungen an die veränderten Ansprüche angepasst wurden. Darunter befinden sich so prominente Beispiele wie die Rostlaube der FU, die von Norman Foster nicht nur eine neue Bibliothek eingepflanzt bekommen hat. Zugleich haben die Architekten den Bau, der nicht unter Denkmalschutz steht, saniert und seine namensgebende rostrote Cortenstahlfassade mit Baubronze ausgetauscht. Und die Landschaftsarchitekten Häfner Jimenez haben mit ihrer Gestaltung des Vorplatzes eine großzügige neue Eingangssituation zur Habelschwerdter Allee geschaffen.

Zusätzlich zur Ausstellung bietet der BDA Führungen in Berlin zur späten Moderne an (detailliertes Programm unter: www.bda-berlin.de), beispielsweise im Hansaviertel, das in diesem Jahr 50 Jahre alt wird, sowie rund um die Steglitzer Schloßstraße. Gerade dort zeigt sich, wie aktuell das Thema der Ausstellung ist, wurde doch gerade in der Schloßstraße mit dem Forum Steglitz von Georg Heinrichs jüngst ein Leitbau der späten Berliner Moderne durch Umbauten massakriert. Jürgen Tietz

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