Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

POP

Rettung der

Sehnsüchtigen

„Manchmal spielt sie Lieder, bei denen man sich fragt, wo sie die gelernt hat, rauzärtliche, umherirrende Melodien mit Worten, die nach Südstaaten-Nadelwäldern oder der Prärie schmecken“, schreibt Truman Capote in „Breakfast at Tiffanys“ über seine unsterbliche Romanheldin, kongenial verfilmt von Blake Edwards mit Audrey Hepburn in der Hauptrolle als unschuldig-verruchte Holly Golightly , nach der sich wiederum jene Sängerin aus London benannt hat, auf die Capotes Beschreibung so treffend passt. Durch ihre Zusammenarbeit mit den White Stripes und dem Titelsong für Jim Jarmuschs „Broken Flowers“ wurde sie einem größeren Publikum bekannt. Diesmal ist sie mit Lawyer Dave ins Magnet gekommen, um ihr gemeinsames Album „You Can’t Buy A Gun When You’re Crying“ vorzustellen. Der Texaner spielt wunderbar Slide-Gitarre und scheppert dazu mit der Ein-Fuß-Trommel, während Holly mit der Gitarre schrammelt und das Publikum mit ihrer ebenso schön wie laut klingenden Stimme in ihren Bann schlägt. Rustikal, eingebettet in Zerbrechlichkeiten – so entführen sie uns dorthin, wo das Holz im Feuer knackt. Mit schunkeligem Honky-Tonk-Country-Folk, wehmütigem Knochen-Blues, dem Cowboy-Traditional „Whoopie Ti Yi Yo“ und anderen Songs voller Hingabe, die sich nie schnöder Dramatik oder aufdringlicher Struktur fügen, obwohl sie sicherer und festgefügter klingen als das, was junge Bands normalerweise aus den gesichertsten Standards von Hank Williams und Robert Johnson machen.

Wer ein- bis zweimal im Jahr bei Filmen weint, der möchte sich bei dieser Musik sofort verlieben, Audrey Hepburn heiraten oder den Glauben an die Festigkeit und Stärke des Filigranen wiedergewinnen. Man kann allerdings auch sagen, dass sich hier so etwas wie die Rettung des Sehnsüchtigen in der Musik vollzieht. Schöner kann Roots-Musik heute jedenfalls nicht klingen.

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