Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

ROCK

Freunde, es wird

langsam dunkler

1973, nach Erscheinen seines Debütalbums „Aquashow“, war Elliott Murphy neben Bruce Springsteen als weiterer „neuer Dylan“ ausgerufen worden, der dann aber die Popularität keines von beiden erreichte. Während Springsteen immer größere Arenen zu klein wurden, gab es Zeiten, in denen Murphy immer kleinere Clubs zu groß waren. Der 58-Jährige lacht. Seine Ambition sei es, sagt er, zu überleben. Das hat er gut hingekriegt. Auch heute wird der in Paris lebende New Yorker immer noch getrieben von derselben Leidenschaft für den Rock’n’Roll. In weißem Hemd und schwarzer Weste steht er auf der Bühne des Quasimodo , mit keckem Hütchen, unter dem dünne blonde Haare heraushängen. Mit schwarzer Akustikgitarre singt er „Making Friends With The Dead“ vom neuen Album „Coming Home Again“. Exquisit begleitet vom Franzosen Olivier Durand, dessen akustische Taylor wie eine elektrische klingt: scharf und verzerrt, rasendschnell, dann wieder ruhig und verhalten. Durands Ornamentierungen, seine einfallsreich rasanten Solos, trotz ihrer Länge immer aufregend, sind seit über zehn Jahren unentbehrliche Ergänzung zu Murphys unverwechselbarem Gesang im weiten Spektrum zwischen Bowie und Dylan. Nach einer anrührenden Version von Dylans „It’s Not Dark Yet“ und einer mitreißenden Auffrischung der alten Doors-Nummer „L.A. Woman“ hat man nach zweieinhalb berauschenden Stunden die beruhigende Gewissheit, dass Elliott Murphy und seine Band zum Besten gehören, was der Rock ’n’ Roll derzeit bietet.

KLASSIK

Wie sich Robinson Crusoe

eine Hose zu nähen versuchte

Neue Musik und Gesang – eine nicht ganz einfache Kombination. Die fünf Komponisten jedenfalls, die für das Hamburg/Berlin-Projekt der Akademie der Künste neue Werke schrieben, haben weitgehend darauf verzichtet, die Stimme in unkonventioneller Weise zu nutzten. Weshalb der ganze Abend von einem ästhetischen Bruch geprägt ist: Das Scharoun Ensemble darf tief in die Trickkiste der avantgardistischen Klangwelt greifen, die Sänger bleiben hingegen in traditionellem Ausdrucksidiom verhaftet. Gleich in „lost maps“ von Babette Koblenz singt Sebastian Noack mutig gegen einen satten Ensembleklang an, das Stück wirkt in seiner motorischen Geschäftigkeit sehr amerikanisch, aber im Vergleich zur Minimal Music eines Philipp Glas komplexer. Vom Text indes versteht man wenig. Ganz der europäischen Avantgarde verpflichtet dann Phillip Maintz mit seiner hochkomplexen „fluchtlinie“: Das Ensemble reiht zerbrechliche Klänge in feinster Rhythmisierung aneinander. Auch hier bleibt der Sänger ein Fremdkörper im Geschehen. Am überzeugendsten die „Drei Arbeiten“ von Enno Poppe: Erfrischend burlesk erzählt er von den Versuchen Robinson Crusoes, seinen Alltag zu meistern, zum Beispiel, eine Hose zu nähen. Dennoch fragt es sich, warum die menschliche Stimme an diesem Abend meist als Chiffre für Körperhaftigkeit gegen die abstrakte Klangwelt der Moderne gesetzt wird. Ob man nicht doch eine Stimme und Instrumente integrierende Musiksprache suchen sollte? Ulrich Pollmann

POP

Mein Song, der

hat drei Ecken

Ein Blick ins halbvolle Lido genügt, um zu wissen, dass hier kein Fan-Generationswechsel stattgefunden hat: Ein Großteil der Anwesenden dürfte Die Zimmermänner schon vor über 20 Jahren liebgewonnen haben, als diese mit ihrem Dadapop eine leider nie in den Hitparaden etablierte Alternative zur Neuen Deutschen Welle kreierten. Die beiden Oberzimmermänner Timo Blunck und Detlef Diederichsen wollen es jetzt mit neuer Platte und kleiner Tour noch einmal wissen. Blunck gibt die schwitzende Rampensau, während Diederichsen als lässig croonender, selbstironischer Sidekick an Westerngitarre und Ukulele („Knut-Gitarre“) überzeugt. Verstärkt werden sie durch Bluncks singende und tanzende Zwillingsschwester Rica, Saxofonist und Urmitglied Christian Kellersmann und vier Neu-Zimmermänner – das macht eine achtköpfige Showband, die sich in das komplexe Repertoire aus neuem und altem Material stürzt. Zimmermänner-Songs sind fast immer um mehrere Ecken gedacht, Musik und Texte bilden höchst fragile, aber tragfähige Konstruktionen. Niemand sonst im deutschen Pop schreibt Stücke wie die Jazzballade „Glück und Schmerz hoch drei“, die Hardrock-Travestie „Paderborn“ oder die stacheldrahtumwickelte Blumenkinderhymne „Levitenlesen in A-Dur“. Viele Lieder haben Evergreen-Qualitäten, und für den schräg-schönen Gassenhauer „Schlecht, aber einer von uns: Jesaja“ sollte man den Zimmermännern ein Denkmal errichten. Jörg Wunder

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