Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Völzke

POP

Königin

des Vierminutendramas

Vielleicht möchte Beyoncé eine Maschine sein, restlos perfekt, nie erschöpft. Zum Auftakt der Show in der Max-Schmeling-Halle steigt sie wie eine Schaumgeborene aus dem Licht; sofort bewegt sie sich roboterhaft zackig. Das letzte Bild, das sie uns von sich schenkt, bevor sie endgültig hinter einem Vorhang verschwindet: Der R-’n’-B-Star beugt den Oberkörper vor, winkelt die Unterarme ab und fällt in eine Starre wie ein abgeschalteter Android. Die 25 Jahre alte Schönheit aus Houston absolviert bei ihrem Berliner Auftritt ein unglaubliches Programm in zahlreichen Kostümen, sie rennt, springt, tanzt auf hohen Absätzen. Sie steht erschöpft im Wind wie eine Disney-Prinzessin, ihre Haare wehen. Die Choreografie dieser zwei Stunden besitzt etwas Gehetztes. Beyoncé Knowles gibt sich hin, sie gibt sich auf. Sie treibt ihre wunderbare Stimme in Höhen, dass das Zuhören schmerzt. Von allem wird hier ein bisschen zu viel verteilt: Braucht der Star tatsächlich eine Band aus zehn Musikerinnen, die den Sound verquirlt und in einer peinlichen Leistungsschau Solo um Solo absolviert? Muss der Engel sein, der die Sängerin irgendwann von hinten umarmt, dieses Kussmund-Sofa, auf dem sie sich räkelt? Auch diese koketten Augenaufschläge stehen ihr nicht. Und dann weint Beyoncé eine Träne – so wie schon in Stuttgart, Wien, München beim immer selben Lied. Verzaubert und ratlos steht man noch einige Minuten da, nachdem sie verschwunden ist, die Geheimnisvolle.

ROCK

Poesie im

Autoscooter

Brechend voll ist es in der Kalkscheune , brütend heiß, plötzlich steht der T-Shirt-Verkäufer auf der Bühne, spielt drahtige Töne auf dem Bass, während der amerikanische Poet Derrick Brown dazu ein paar seiner melodischen Gedichte liest. Zu jedem neuen Poem fliegender Wechsel der Begleiter. Ein Kommen und Gehen, dass man ganz konfus wird. „Sind das jetzt die Cold War Kids ?“, fragt jemand. Nein, das sind erst noch die Pink Mountaintops aus Kanada. Um halb elf kommen sie dann endlich als sie selbst: The Cold War Kids aus Kalifornien, mit skurrilen Kopfbedeckungen, angefressenem Strohhut und Sturmkappe. Ihr Sound lässt sich kaum definieren, weil er von allem etwas hat, und dann auch wieder nichts von allem. Rock ’n’ Roll mit Blueselementen, überdreht in schrägelndes Wirrwarr. Gitarren, Bass, Schlagzeug, E-Piano. Dazu der nasal fistelige Gesang von Nathan Willet, dessen Stimme nicht so stark dominiert wie auf „Robbers and Cowards“, dem vor kurzem erschienenen Langspieldebüt, auf dem der manierierte Gesang noch stärker an Jack White oder Jeff Buckley erinnert. Zu melodischem und rhythmischem Durcheinander kurven die Musiker wie Autoscooter vorwärts und rückwärts über die Bühne. Ausweichen erst im letzten Moment. Nach 70 Minuten ist es vorbei. Was die Cold War Kids wirklich taugen, muss sich in den nächsten Jahren zeigen. H.P. Daniels

KLASSIK

Ruhe ist die

erste Streicherpflicht

Das Alban Berg Quartett zählt zu den weltbesten Streichquartetten. Jahrzehntelang haben Günter Pichler, Gerhard Schulz, Thomas Kakuska und Valentin Erben zusammengespielt, bevor Kakuska, selbst Nachfolger von Hatto Beyerle, im Juli 2005 starb und seine Schülerin Isabel Charisius die Bratsche übernahm. Sie sitzt nun auch in der Philharmonie sehr unauffällig zwischen den Herren, wie überhaupt die Mittelstimmen vor der scharfen Dominanz des Primarius Pichler, der Bestimmtheit Erbens am Cello fast zu verschwinden scheinen. Ruhe bleibt gleichwohl die erste Pflicht für das Quartett, das in diesen Monaten seine letzten Konzerte gibt. Schon im Eingangsstück, Haydns op. 20, 4, übertreibt man es nicht mit dem Interpretieren. Das Menuett soll „alle Zingarese“ klingen? Dann wird es auch etwas trampelig. Beethovens zweiter Satz, später im op. 130, ein „Presto“? Dann aber mit einer Beiläufigkeit, die ihn erst gar nicht in Erscheinung treten lässt. Dazwischen Rihms „Grave in memoriam Thomas Kakuska“, anfangs knarrend wie eine alte Tür, ein fast absurder Gegensatz zum Haydn. Doch üben die Blöcke aus Fistel- und Flageoletttönen, aus Attacken und satten Clusterklängen, übt das ganze kollektive Vorwärtskrauchen seine starke Wirkung aus. Zur Pause ist man fast sediert. Danach erklingt Beethovens Quartett op. 130, und so ruhig wird das Quartett die Cavatina spielen und später, bei der heiß herbeigesehnten Zugabe, das „Lento assai“ aus seinem op. 135, so schlicht also, ohne jeden Schmelz, mit der Überlegenheit derer, deren Spiel die Erfahrung geläutert hat, dass einem schier Hören und Sehen vergeht. Christiane Tewinkel

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