Kultur : KURZ & KRITISCH

Tobias Haberkorn

KUNST

Der Tüll,

die Stadt und der Tod

Ein bevorzugtes Thema bei Ausstellungsvernissagen in Mitte: Berlin, wie es eigentlich ist. „Wie früher New York einmal war“, bestätigen einander dann Galeristen und Kuratoren. Sogar echte New Yorker wie Jonathan Safran Foer, Jungstar des amerikanischen Literaturbetriebs, geben Selbiges in Interviews zu Protokoll. Niels Betori Diehl und Barbara Prokop machten sich für ihre Ausstellung „Hardcore “ in Berlin auf die Suche nach „den totgeträumten Klischees vom New York der sechziger Jahre“. Die beiden Künstler zeigen eigene Arbeiten und solche von Berliner Kollegen, die aus der Trash-Kultur unserer Arm-aber-sexyStadt eine eigenwillige Eleganz extrahieren. Denn, so Diehl: „Glamour entsteht immer aus einer defizitären Lage.“

Den Beweis treten im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien (täglich 12-19 Uhr, bis 10. Juni ) vor allem Videos, Projektionen und Fotografien an. Getragen von popkulturellen Zitaten wandeln die Werke zwischen Nonsens und Minimalismus, ohne die urbane Coolness zu vergessen. Andy Warhol wird persifliert, Che Guevara und Michel Foucault kommen zu Wort, suizidverherrlichender Grusel-Rap trifft auf einen Therapiefilm über rechtsextreme Jugendliche. Die Ausstellung bietet vor allem Stoff für Partytalks: Was dieser postmoderne Mash-up mit Berlin oder New York zu tun hat, ob die Ausstellung defizitär oder glamourös oder beides ist, ob das Palästinensertuch, mit dem sich der nackte Araber auf einer Großfotografie das Haupt bedeckt, als schickes Accessoire wieder in Mode ist. Mehr allerdings nicht.

ROCK

Gitarrensoli wie

Funkenregen

Wenn es einen Preis für Einsilbigkeit bei Popkonzerten geben würde, wäre Doug Martsch einer der ersten Kandidaten. Der Sänger und Kopf von Built To Spill lässt sich im Postbahnhof höchstens zu einem „Thanks a lot“ hinreißen, ansonsten ist er ganz der stoische Schweiger mit Vollbart und zerstrubbeltem Haarkranz. Dabei wirkt er freundlich, völlig seiner Passion hingegeben. Wie seine vier Mitstreiter verzichtet er auf jegliches Showelement, widmet seine ganze Konzentration der Musik. Die hat es in sich: Built To Spill überrollen einen mit der sonischen Urgewalt von drei E-Gitarren. Martsch, der asketisch wirkende Jim Roth und Brett Netson im Unabomber-Look bilden eine Fender-Gitarrenfront, deren brachiale Akkordcluster und wie Funkenregen zerstäubende Soli sich möbiusbandgleich verflechten. Die Klangverwandtschaft zu befreundeten US-Indierock-Bands der Neunziger, die sich entweder aufgelöst haben (Pavement) oder berühmt geworden sind (Modest Mouse), ist unverkennbar. Aber Built To Spill waren schon vor zehn Jahren auf einem anderen Trip. Wohin der sie geführt hat, bringt ein Zwischenrufer auf den Punkt: „Cortez The Killer“ wird gefordert, und es wäre kein Sakrileg, wenn sich die Band an diesen vielleicht größten Song von Neil Young heranwagen würde. In eigenen Meisterwerken wie dem hymnischen „Conventional Wisdom“ oder der viertelstündigen Zugabe „Randy Described Eternity“ erreichen Built To Spill eine psychedelische Intensität. Da braucht es keine erklärenden Worte. Jörg Wunder

KLASSIK

Klangwolken

ziehen vorüber

„Vielleicht keine große, aber sehr gute Musik“, preist das Programmheft das selten gespielte Werk von Max Bruch an, das die Berliner Symphoniker im Konzerthaus spielen. Neben seinen erfolgreichen Werken für Solo-Violine und Cello klingt Bruchs Konzert für zwei Klaviere eher wie ein uneben laufender Hybridmotor. Vielleicht also keine gute, aber stellenweise sehr schöne Musik. Trocken wie eine Bach’sche Fuge intonieren Gil Garburg und Sivan Silver die kontrapunktische Einleitung, die allerdings bald in majestätische Klangwolken eingehüllt wird. Heiter bis wolkig bleibt das gesamte Werk, bald reitet leichte Kavallerie vorüber, bald lässt Chefdirigent Lior Shambadal Bruchs üppiges Melos fließen. Doch nicht immer kommt das Pianisten-Duo gegen das orchestrale Gewölk an.

Geradezu asketisch meditieren die Symphoniker zuvor über Franz Schuberts „Unvollendete“: Shambadal trägt jeden einzelnen Farbton behutsam auf. In sich gekehrt folgen die Streicher dem Schicksalslauf, falb mahnen die Holzbläser, dem Orchester gelingen Genrebilder voll innig empfundener Ruhe. Von der gefühlvollen Seite nimmt Shambadal auch Brahms’ erste Symphonie. Keine sorgsam geschichtete Architektur tritt da zutage, sondern die ursprüngliche Passion eines Symphonikers. Dessen Herzensregungen führen zunächst immer wieder in Sackgassen, bis die erlösende Alphorn-Melodie im Finale für eine Implosion aufgestauter Energien sorgt. Matthias Nikolaidis

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben