Kultur : KURZ & KRITISCH

Kolja Reichert

POP

Wir

Untergeher

Wie passend: Am Abend zuvor tobte Samuel Finzi in Gottscheffs „Selbstmörder“-Inszenierung durch die Volksbühne , als größenwahnsinniger Verlierer, der die Kraft zur Selbstaufgabe nicht findet. Nun erheben Tocotronic im selben kahlen Bühnenrund das Aufgeben zur Parole: „Kapitulation“ heißt ihr im Juli erscheinendes Album. Mit den neuen Stücken zeigen sich die Hamburger-Schule-Veteranen als die frischeste und zugleich reflektierteste Band deutscher Sprache.

„Mein Ruin, das ist mein Ziel“, singt Dirk von Lowtzow, ein priesterlicher Opener des Albums, „Die Lieblingsrolle, die ich spiel’ / Mein Ruin ist mein Triumph / Empfindlichkeit und Unvernunft“. Arne Zanks Schlagzeug treibt nach vorne, Rick McPhail lässt das Wahwah heulen, Nebel steigt auf. Große Gesten, die in den Weiten der Hinterbühne noch an Wirkung gewinnen. In den Sitzreihen allerdings scheppert es gewaltig, wer gut hören will, muss zu den Tanzenden auf die Hinterbühne. Von dort bietet sich ein märchenhafter Blick in den Saal, der durch Licht-Spots zur Traumkammer wird.

Mit „Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen“ stellt die Band klar, dass auch die alten Hits noch lange nicht ausgespielt sind. Sie klingen gereift, dank eines intensiven, geduldigen Spiels, flächiger Gitarren und der rauen Märchenerzähler-Stimme, die von Lowtzow über die Jahre an die Stelle der alten Punk-Röhre gesetzt hat. lachend zeigt der Frontmann seine Zufriedenheit, ohne aus der Rolle zu fallen. „Kapitulation!“, mit gestreckter Arbeiterführer-Faust kündigt er den Titelsong an, ein schelmisches Trostlied mit süßlicher Melodie und fröhlichem Handclap-Rhythmus.

Keine Wünsche bleiben offen, „Gegen den Strich“ versetzt Publikum wie Band in Freudentaumel, bei „Hi Freaks“ beginnen die Boxentürme zu schwanken. Zur Zugabe schält sich aus dröhnenden Rückkopplungen das Riff von „Freiburg“ heraus, dem Hate-Song von 1995 („Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse, Tanztheater dieser Stadt“). „So jung kommen wir nicht mehr zusammen“ geht in einem minutenlangen Gewitter aus Stroboskop-Blitzen und Gitarrendonner auf. Es ist die heitere Inszenierung von Selbstaufgabe, die Tocotronic noch immer so groß macht.

KLASSIK

Deutsche

Meister

Bravorufe, die dem Philharmonischen Chor Berlin und dem Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt entgegenfliegen, krönen eine imponierende Leistung. Viel Liebesmühe steckt darin. Von den Sopranhöhen bis in die Chorbässe ist zu hören, dass der 125-jährige Chor heute unter Jörg-Peter Weigle gut dasteht, Lohn der Stimmbildung und Proben, zweimal pro Woche für jeden. Das Publikum in der Philharmonie ist neugierig, der Einführungsvortrag von Volker Mertens überfüllt. Es geht um ein unbekanntes Werk. „Bruch ist einer unserer bedeutendsten Komponisten auf dem Gebiet der Chorkomposition“, schreibt Hugo Riemann 1905 in seinem Musiklexikon, um das Urteil noch zu Lebzeiten des Komponisten in einer späteren Auflage (1916) zu revidieren. „Bequemere Verständlichkeit“ im Vergleich mit Brahms ist da etwa zu lesen. Das gibt zu denken. Pfitzner hat sich lebhaft für Max Bruch eingesetzt, den deutschen Meister bürgerlicher Musikkultur. Der Kategorie eines reaktionären Genies jedoch, die Pfitzner zuzubilligen wäre, genügt Bruch nicht.

Aus dem Oratorium „Moses“ tönt viel heroisches Pathos um die biblische Führergestalt, Durchschlagskraft, Können, aber nach wenigen Takten keine Überraschung mehr. Rührend singt Tomasz Zagorski in der Szene um das Goldene Kalb die Not des Aaron aus. „Abtrünnige“ donnert Moses alias Roman Trekel, während Christiane Iven (Engel des Herrn) tröstet wie der Sopran im Brahms-Requiem, eine Interpretin von Format. Der Text Ludwig Spittas hat Tücken, die man allerdings erst im Mitlesen versteht, wenn nach der Pause das Saallicht heller wird. Verloren ist die Liebesmühe nicht, weil sie zeigt, dass der Chor für sein Jubiläum gerüstet ist. Und kein weiteres Bruch-Experiment nötig hat. Sybill Mahlke

KLASSIK

Unterm

Himmelsdach

Musik, die mit den Wolken zieht – was für ein wunderbarer Traum. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin wollte ihn mit einer neuen Konzertreihe leben und zog zu Himmelfahrt 2006 erstmals in den Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums. Den überspannt ein spektakuläres Glasdach des Architekten I.M. Pei, das den Regen haptisch vom Publikum fern hält, ihn aber akustisch zum Wasserfall zu steigern vermag. Man hat am halligen Hofklang nach dem ersten Durchlauf gebastelt – und dafür den Traum geopfert. Denn die Aussicht auf die ziehenden Wolken ist verschwunden, der Himmel über dem Schlüterhof ist der Akustik willen mit einer Decke aus grauen Quadraten bedeckt. Unter ihr staut sich die Luft. Es wird stickig, ohne dass die Klänge zu halten wären. So addieren sich im Schlüterhof die Nachteile von Open-Air-Konzerten, ohne dass man Musik open air genießen könnte.

Aus dieser absurden Situation machen die tapferen RSB-Musiker das Beste und freuen sich über Laufkundschaft, die von Unter den Linden herein schaut. Auch Giovanni Antonini , der alle drei Programme im Schlüterhof dirigiert (auch am 19. & 20. Mai), geht mit ungebremst dramatischem Impetus zu Werk. Der Gründer des stürmischen Barockensembles „Il Giardino Armonico“ versucht nach Kräften, mit der Theatralik der Masken an den Wänden des Schlüterhofs mitzuhalten. Boccherinis D-Dur-Cellokonzert (Solist: Claudio Bohòrquez) mit seinen zarten Schleifen in hohen Lagen, lässt sich akustisch dennoch nicht fassen. Nicht einmal der Regen hat Lust, da noch aufs Dach zu klatschen. Ulrich Amling

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