Kultur : KURZ & KRITISCH

Matthias Nöther

KLASSIK

Aufgeklärt, aber

nicht abgeklärt

Sabine Meyer, Klarinette, und Fazil Say , Klavier: In keinem Augenblick ist das eine schwelgerische Unio mystica, wie man sie von dieser Instrumentenkombination mit ihrem romantischen Urrepertoire vielleicht erwartet. Niemals ist der Zuhörer von süffigem, vom Klavier diffus umspielten Klarinettenklang umgeben, sondern alles wird glasklar, übersichtlich und ziemlich aufgeklärt auf das Podium des ausverkauften Kleinen Saals im Konzerthaus gestellt. Dabei entstammen gar nicht alle gespielten Werke einer schnörkellosen Moderne. Saint-Saëns’ späte, mit „alter Manier“ kokettierende Klarinettensonate ist ebenso dabei wie Ravels Sonatine für Klavier. In ihr verweigert Fazil Say gelungen die Ahnung eines wässrigen Impressionismus zugunsten neoklassizistischer Strenge. Mehr noch als durch die hier gezeigte dynamische Differenzierungsfähigkeit begeisterte Say durch die grellen Farben und starken Kontraste, mit denen er unter größtem pianistischen Risiko und hoher Aufmerksamkeit die kurzfristig angesetzte C-Dur-Klaviersonate von Haydn spielte.

Sabine Meyer, von wunderbarer Flexibilität und Wandelbarkeit im Ton, bewies diese Direktheit des gestischen Zugriffs bei der Sonate von Poulenc sowie beim obligatorischen Rausschmeißer, Milhauds „Scaramouche“-Fantasie, in Vollendung.

KUNST

Das Licht flirrt,

die Farben tanzen

Für die Stiefmütterchen muss man sich beeilen. Demnächst werden hinter der Liebermann-Villa rote Geranien gepflanzt. Nun blühen sie wieder, Max Liebermanns Lieblingsblumen, erstmals nach dem Krieg. Vor einem Jahr wurde das Museum im früheren Sommerhaus der Familie in Wannsee eröffnet. Die blaugelbe Winter- und Frühlingspracht bleibt drinnen länger stehen, denn natürlich hat Liebermann Die Blumenterrasse auch gemalt (Colomierstr. 3, bis 2. Juli, Mi-Mo 11–18 Uhr, Do 11–20 Uhr).

Immer wieder verewigte der große deutsche Impressionist (1847-1935) seinen Wannseegarten mit Blick nach Nordwesten, zumal nach dem Ersten Weltkrieg. So kamen ein Stück Villa, ein Streifen Dickicht und die geometrischen Blumenbeete in schöner Asymmetrie aufs Bild. Ein Beispiel von 1921 zeigt die Geranienbepflanzung, die Ehefrau Martha übrigens nicht besonders mochte. Vor der Fensterfront hocken Tochter Käthe und Enkelin Maria in weißen Sommerkleidern. Das Licht flirrt, die Farben tanzen. Atmosphäre und Vegetation verwandelte Liebermann in übermütige Pinselrhythmen. Er hatte vier Jahre gewartet, bis er Staffelei und Farbtuben in den Garten holte. Kunst und Natur finden darin herrlich zusammen. Jens Hinrichsen

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