Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

PUNK

Zu klein, um

sich zu wehren

Manche Bands sind Stiefkinder des Glücks. Die Boxhamsters , Gießener Deutschpunks der zweiten Generation, waren schon mehrmals auf dem Sprung zu einer großen Karriere, aber immer kam etwas dazwischen. Als sie zuletzt bei einem renommierten Label unter Vertrag standen, meldete dieses trotz eines kommerziellen Zugpferdes wie Tocotronic Insolvenz an. Auch das 20-jährige Bandjubiläum steht unter keinem guten Stern: Vor dem Kato hat sich ein aggressiv-hysterisches Häufchen Demonstranten versammelt, das eine Konzertabsage erzwingen will. Ungeachtet des Wahrheitsgehalts der gegen Sänger Martin Coburger gerichteten Vorwürfe wegen sexueller Nötigung wirkt die Atmosphäre im Rahmen dieses Auftritts beklemmend.

Der Auftritt der Boxhamsters ist dann auch nicht gerade ein locker-gelöster. Schlagzeuger Ulf Jachimsky drischt wie ein Berserker auf Toms und Becken ein und scheucht seine drei Kollegen durch die kurzen und bündigen Songs. Die werden mit grobem Meißel aus dem immergleichen Punk-Urgestein gehämmert, enthalten aber viel subtilen Humor. Der matschige Übungskellersound kann rustikalen Minihits wie „In dieser Zeit“ oder „Eishai“ zwar nichts anhaben, erschwert aber für Boxhamsters-Novizen den Einstieg über die Textebene. Martin Coburger gibt sich mit seinem zwischen heiserem Rio Reiser und verschnupftem Peter Hein liegenden Gesang alle Mühe, kann indes auch nicht verbergen, dass er gesundheitlich angeschlagen ist. Nach einer Stunde haben die Boxhamsters keine Energie mehr, irgendwie überrollt von den Ereignissen außerhalb des Konzertes. „Wir sind zu klein, um uns zu wehren“, singen sie zuvor. Irgendwie wahr.

KLASSIK

Schumanns

Schatten

Die zum dritten Mal stattfindenden Berliner Klaviertage beginnen zunächst etwas schwerfällig. Hier eine Vernissage, dort eine Kurzfilmpräsentation: Man weiß gar nicht so genau, ob man überhaupt richtig ist, ob die Klaviertage in den Sophiensälen schon begonnen haben. Als die englische Komponistin Alwynne Pritchard mit Studenten von Berliner Musikhochschulen eine zuvor erarbeitete Ensembleimprovisation präsentiert, hört man immerhin schon mal ein paar Klaviertöne – die Sache ist nicht unspannend, einige Besucher beginnen sich zu konzentrieren. Dann der Schock: Die junge Pianistin Natalia Ehwald betritt den eben noch so verstörend unverbindlichen Ort, setzt eine schier atemberaubende Interpretation von Schumanns Kreisleriana in die pittoresk verfallenen Sophiensäle. Unglaublich, wie sich diese Frau mit Hingabe um jede Tonschattierung müht. Sie ringt, und zwar sowohl mit ihrer Nervosität als auch mit dem Willen zu einem unverstellten Ausdruck, was bei ihr wohl ziemlich das Gleiche ist. Schumanns Zyklus erlebt man so wie eine aus Schweiß und innerer Glut geschaffene Improvisation, dabei aber entwaffnend natürlich und schlicht geradeheraus gespielt. Danach wagt es Michael Wilhelmi doch glatt, tatsächlich über die Kreisleriana zu improvisieren. Ein lästerliches Unterfangen, aber mit so stupender Virtuosität und Energiefülle realisiert, dass man ihm das gerne nachsieht. Heute sind noch eine Klang-/Videoperformance, ein Triokonzert und ein Auftritt des zehnköpfigen Moukhtabar Ensemble Berlin ab 20 Uhr in den Sophiensälen zu hören. Infos: www.tasten.org Ulrich Pollmann

DESIGN

Gehrys

Wodkaflasche

Alles neu macht der Designmai. Und wirft Klischees über den Haufen. Design aus Polen ? Geht nicht über den Ladentisch? Und wie! Das Kunstgewerbemuseum verbeugt sich vor einer Nachwende-Generation von Produktdesignern aus Warschau oder Lodz, die sich mit frechen Staubsaugern, eleganten Möbelsystemen oder raffinierten Damenhandtaschen an die internationale Konsumwelt anzudocken wissen (Matthäikirchplatz 4-6, bis 15.7., Di-Fr 10-18, Sa-So 11-18 Uhr).

Mit ihrem (als bunter Scannercode gestalteten) Ausstellungslogo Made in Poland wollen die polnischen Kuratoren die Exportfähigkeit der Produkte demonstrieren; gezeigt wird, was tatsächlich (fast) durchweg bei uns zu haben ist. Zum Beispiel der runde gelbgrüne Teppich „DIA“, der mit dem „Moho Design“ formal auf die Scherenschnitt-Tradition eines Tatra-Bergvolks anspielt und gleichzeitig für fortschrittliche Stoff-Technologie einen internationalen Preis errang. Auch renommierte ausländische Künstler verantworten Luxus- und Gebrauchsgegenstände aus polnischen, globalen Standards entsprechenden Fabriken, darunter eine kapriziös verdrehte Wodkaflasche von Frank Gehry und ein Teppich mit Körperzellen-Ornament aus der Textilwerkstatt von Ross Lovegrove. In ein rubinrot von innen beleuchtetes Waschbecken aus dem Hause „Logo Design“ kann man probeweise die Hände halten (die dann garantiert schön zart aussehen), während das kleine Reiseflugzeug „Orca“ nur in einem als Karteikasten designten Katalog (10 Euro) zu betrachten ist. Jens Hinrichsen

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