Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

KLASSIK

Hüpfende

Tonkugeln

Das passt zur lauen Frühsommernacht: Der dritte Teil von András Schiffs streng chronologischem Beethoven-Zyklus im ausverkauften Kammermusiksaal der Philharmonie dürfte als einer der heitersten Abschnitte des Sonaten-Marathons im Gedächtnis bleiben. Die Sonatenpaare op. 49 und op. 14: Alles so schön leicht hier – mal arglos, mal verschmitzt, mal hinterlistig. Der ungarische Pianist (Dreiteiler, Fliege, Einstecktuch) rückt Ludwig van Beethoven ganz dicht an Mozart heran. Mit glasklarer Phrasierung, elegant austarierten Legato-Staccato-Kontrasten, einem burschikos-täppischen Menuett in der G-Dur-Sonate Nr. 20 und hingetupften Anfangsskalen wie im Kopfsatz der E-Dur-Sonate Nr. 9, die ein barscher Bass Mores lehrt. Erneut verziert András Schiff die Wiederholungen mit kleinen, schillernden Trillern: Perlenstickereien in der säuberlich gewebten Sonaten-Textur.

Hüpfende, rollende, einander an- und abstoßende Tonkugeln: Beethoven als Murmelspiel. Schiffs bekannte Manier, überdeutlich zu artikulieren, die Melodielinie alle paar Takte an Zieltönen festzuhakeln und jeden noch so blitzgeschwinden Stimmungswechsel intensivstmöglich auszukosten, führt erneut zu Betriebsblindheit. Zu viele Charaktere tummeln sich auf knappem Platz, zu viele Pointen verderben den Witz. Musik ohne Gedächtnis: Vor lauter Verkehrsschildern auf dem Beethoven-Parcours verliert Schiff sein Ziel aus den Augen. Das Adagio der B-Dur-Sonate nach der Pause: kein echtes Drama, nur eine Opern-Tragödie mit kokett weggetupften Tränen. Steht so in den Noten, sagt der Pianist, und vielleicht stört gerade das an seiner Vasallentreue: Dass sie immer recht hat. Jubel am Ende im ausverkauften Saal, und als Zugabe die komplette 3. Englische Suite von Bach. Klingt auch wie Beethoven wie Mozart wie Schiff. Dennoch superb: die kapriziöse Gavotte.

ROCK

Das Loch

in der Sonne

Die schwarze Sonne scheint, und aus der Asche des Grunge-Rock erhebt sich Chris Cornell zu einem Höhenflug, wie ihn die Rockerwelt nicht oft gesehen hat – bis auf Platz zwölf bei den von MTV präsentierten „22 Greatest Voices in Music“ hat es der ehemalige Sänger von Soundgarden und Audioslave geschafft, noch vor David Bowie und Bruce Springsteen. Jetzt hat er sich zum zweiten Mal zum Alleingang entschlossen und mit dem Titelsong „You Know My Name“ des letzten James- Bond-Films „Casino Royale“ seinen Fankreis nochmals erweitern können. Dabei würde er selbst als Bond-Darsteller eine gute Figur abgeben, mit seinen zurückgegelten schwarzen Haaren und dem durchtrainierten Astralkörper, dem ein Smoking ebenso gut stehen würde wie die abgewetzte Jeans und das Grabbel- T-Shirt, das er bei seinem Berlin-Aufritt im Kesselhaus der Kulturbrauerei trägt, um sich und das Publikum für gute zwei Stunden mit überquellendem Beglückungsrock aus dem Fundus seiner zwanzigjährigen Karriere zu begeistern. Eine wohltemperierte Mischung aus elegischen Balladen, zündenden Rocksongs und ein oder zwei geringfügig aus dem Rahmen fallenden Beigaben wie die verschleppte Coverversion von Michael Jacksons „Billie Jean“ als Gänsehaut-Nummer, die auch aus der Feder von Nick Cave stammen könnte und im nächsten Monat mit dem neuen Album „Carry On“ erscheinen soll.

In der Mitte des Konzerts hängt sich Cornell für einige Solonummern die akustische Gitarre um, bevor die Band wieder einsteigt und alles zu einem kennerhaften Groove zusammenfließt, der nochmals deutlich macht, wie angenehm es ist, angekommen zu sein bei der simplen melodischen Form der Dinge, die den Stein ins Rollen brachten: Siebziger-Jahre-Rock, frühe Cream, Led-Zep. Mit pumpendem Bass, zischenden Drums und durchweg gequälten Schweinegitarren, die beseelt am Rande des Geschmäcklerischen herumgniedeln und sich prächtige Scheingefechte liefern, während Cornell seine kräftige Stimme nach oben schraubt und wunderbar zu einem monumentalen Knirschen mit der Melodie zusammenlegt. Am besten funktioniert das bei den alten Hits von Soundgarden, die den Abend strukturieren, vom Aufmacher „Spoonman“ bis „Jesus Christ Pose“ als furiosem Abschluss und der Zugabe „Black Hole Sun“. Da geht die schwarze Sonne auf, Cornell lässt sich feiern. Mit 42 Jahren ist er noch immer der hübscheste Schreihals im Rock-Biz. Volker Lüke

KUNST

Nur gut

muss es sein

Ein kräftiger Rahmen und eine steile Diagonale: Das Logo der Deutschen Bank steht für Wachstum und Sicherheit - oder, wie Spötter meinen, für schräge Geschäfte in geordnetem Rahmen. Entworfen wurde die Bildmarke 1973 von Anton Stankowski . Der Grafikdesigner, Maler und Fotograf hat den visuellen Auftritt der jungen Bundesrepublik bestimmt wie kein Zweiter. Von ihm stammen Firmenlogos, Wortmarken und Corporate-Design-Konzepte wie die von Rewe, Viessmann, Iduna – und das 1969 entwickelte „Berlin-Layout“, das für Broschüren und Behördenbriefe der Stadt bis vor wenigen Jahren verbindlich gewesen ist. Zum 100. Geburtstag Anton Stankowskis 2006 haben die Stuttgarter Staatsgalerie und die Stankowski-Stiftung eine Retrospektive zusammengestellt, die nun im Internationalen Design Zentrum Berlin (Reinhardtstraße 52, bis 12. August) und im Mies van der Rohe-Haus in Lichtenberg (Oberseestraße 60, 26. Mai bis 19. August) zu sehen ist (Katalog bei Hatje Cantz, 39 Euro).

Vorgestellt wird ein an der Essener Folkwangschule ausgebildeter Alleskönner, der die Trennung zwischen freier und angewandter Kunst nie akzeptieren wollte. Schon in den ab 1929 für eine Zürcher Agentur entstandenen Plakaten, Broschüren und Anzeigen montiert Anton Stankowski mit dem kühlen Kopf des Avantgardisten: Fotografie und Schrift verbinden sich zu noch heute griffigen Botschaften. „Ob Kunst oder Design“, so das Credo des ab 1949 in Stuttgart tätigen Künstlers, „ist egal – nur gut muss es sein.“ Michael Zajonz

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