Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Heiße Herzen,

leise Töne

Frühen Mozart gegen späten Mozart, die erste Symphonie des Achtjährigen gegen das letzte Klavierkonzert in B-Dur und das späte Klarinettenkonzert: so lautete die hübsche Programmidee des Freiburgers Barockorchesters . Doch kaum hatte das Ensemble die Symphonie mit adäquat jugendlichem Feuer abgebrannt, drängte sich ein anderes Thema für den Abend auf: Wie hältst du’s mit der Klangfarbe? Denn selbst nach einem Mozartjahr des Experimentierens und bei aller Routine historisch informierten Musizierens ist hier noch längst nicht jede Frage geklärt. Zum Beispiel die, ob Mozarts Hammerflügel, den Andreas Staier mit Delikatesse und Brillanz spielte, nicht doch etwas zu leise ist für einen bestens gefüllten Kammermusiksaal der Philharmonie . Nur in den Pizzicato-Passagen des ersten Satzes ergaben sich betörende Klangmischungen zwischen den zupfenden Streichern und den tiefen Saiten des Pianoforte, ansonsten gelang es dem Orchester nicht, sein Feuer herunterzuregeln. Etwas glücklicher fiel die Balance bei Lorenzo Coppola und seiner wie eine Großvaterpfeife geformte Bassettklarinette aus: Das Publikum ließ sich auf die spannenden Kontrastwirkungen zwischen dem zerbrechlichen, klagenden oberen Register und den zielsicher gesetzten, körnig-kräftigen Bassetttönen ein.

ARCHITEKTUR

Ort ohne

Eigenschaften

Über international erfolgreiche Künstler aus Berlin, die ihre Arbeiten hier nicht angemessen zeigen können, spricht man spätestens seit der Kunsthallendiskussion. International erfolgreiche Architekten aus Berlin, die ihre interessantesten Entwürfe außerhalb bauen, erreichen selten solche Aufmerksamkeit. Barkow Leibinger Architekten, 1993 vom Amerikaner Frank Barkow und der Schwäbin Regine Leibinger in Berlin gegründet, sind so ein Büro. Gerade wurden sie mit dem hochdotierten amerikanischen Marcus Prize ausgezeichnet. So kommt die kleine Ausstellung, die Andres Lepik, der scheidende Architekturkurator der Berliner Kunstbibliothek, eingerichtet hat, gerade recht: „Reflect. Building in the Digital City, Seoul, Korea“ stellt ein spektakuläres Bürogebäude des Duos vor (Eingangshalle Kulturforum am Potsdamer Platz, bis 1. Juli, Begleitbuch bei Hatje Cantz 39,80 €). Keine Architekturausstellung im üblichen Sinn: Statt trockener Zeichnungen bekommt man neben ein paar Grundinformationen einen Film der Berliner Künstlerin Corinne Rose zu sehen. Acht Wochen lang hat sie das Trutec Building, ein elfgeschossiges Geschäftshaus mit Büros und Showrooms für mittelständische deutsche Firmen im Nordwesten Seouls, mit der Kamera umschmeichelt. Seine Vorhangfassaden aus Spiegelglas falten sich an drei Seiten kristallin auf. Wie in einem Kaleidoskop wird die banale Umgebung in der Fassade gebrochen und reflektiert. Bedeutungserfindung für einen Ort ohne Eigenschaften. Michael Zajonz

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