Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

POP

Die Welt des Regens

und der Schwermut

Manchmal hilft nur Musik, die noch trauriger ist, als man es je sein könnte. Zum Beispiel von Ben Weaver , einem 27-jährigen Folk-Poeten, der in einer ehemaligen Sargfabrik in Minneapolis wohnt und von den dunklen Rändern der amerikanischen Gesellschaft erzählt. Seine Songs vergleicht er mit einem Aderlass: „Ich blute sie raus. Das ist mein Leben. Ohne sie hat die Welt keinen Sinn.“ Bei seinem Konzert im Café Zapata sieht er aus wie der junge Peter Ustinov, mit Vollbart und gestreiftem Ringel-Shirt als fröhlichem Kontrast zum schwermütigen Liedgut. Begleitet von einer hübschen Bassistin und einem Schlagzeuger, die ihn von falscher Betulichkeit abhalten und zwischen Tiefe und Tragik manövrieren, wechselt Weaver zwischen E-Piano, Gitarre oder Banjo und singt dazu mit einer unglaublichen Kellerstimme, die manchmal klingt wie Tom Waits. „The world is a flood and it always seems to rain everywhere that you go“, brummt er etwa in „Rain Leaves Smoke“ vom neuen Album „Paper Sky“, auf dem sich auch dezente Elektronik in die Stücke mischt, nachdem die Vorgängeralben von traditionellen Instrumenten bestimmt waren. Solche Perlen produziert er kettenweise. Fragile Melodien, immer die Handlung der Lieder transzendierend, abstrakt genug, um allgemeingültige Geschichten zu erzählen. Und immer schimmert der majestätische Geist von Altmeistern wie Leonard Cohen oder Townes van Zandt durch.

LITERATUR

Die Spuren des Krieges

und des Terrors

Die Vergangenheit wirft lange Schatten – auch in Peru, der Heimat von Alonso Cueto. Ein Bürgerkrieg hat dort in den achtziger Jahren 70 000 Menschenleben gekostet. Die peruanische Wahrheits- und Versöhnungskommmission gibt an, dass 54 Prozent der Opfer auf das Konto der maoistischen Terrororganisation „Leuchtender Pfad“ gehen. Ein Prozent sind der Túpac-Amaru-Bewegung (MRTA) anzurechnen und die restlichen 45 den Militärs. Zwanzig Jahre nach dem Ende dieses Krieges hat Alonso Cueto nun einen spannenden Roman geschrieben. Die blaue Stunde (Aus dem Spanischen von Elke Wehr. Berlin Verlag, Berlin, 2007. 352 S., 19,90 €) führt den Leser in jene schreckliche Zeit zurück.Adrián Ormache, die Hauptfigur, lebt als erfolgreicher Anwalt in Lima. Er ist Anfang vierzig, hat ein schönes Haus, eine vorbildliche Familie und keine Sorgen. Der Guerillakrieg ist vorbei, er wird aber mit der Vergangenheit seines verstorbenen Vaters konfrontiert. Der hatte als Marineoffizier eine Kaserne in Ayacucho, dem Brennpunkt des Krieges im Hochland, geleitet. Was Ormache anfangs nicht interessiert, wird zur Besessenheit, nachdem er von einer Frau erfährt, die als Gefangene in diese Kaserne gebracht worden war und die Geliebte seines Vaters wurde. Die Suche nach dieser Frau verändert sein Leben. Cuetos Prosa ist schnell und direkt, er verschwendet keine Worte, und seine Geschichte ist wie ein Thriller aufgebaut. Maria Rosa Zapata

AUSSTELLUNG

Die Blüten der Pflaume

und des Lotos

Wer chinesische Tuschemalerei liebt, kommt nicht umhin, die Bedeutung hinter den gemalten Dingen mitzulesen. Wenn es nun im Berliner Museum für Asiatische Kunst heißt: Hundert Blumen wetteifern im Frühling – dann klingt schon an, wie vielfältig im Buddhismus die Metaphern blühen. Ganz vorne in der floralen Symbolik Chinas: die Lotosblüte, die für die Reinheit des Geistes steht und in der Ausstellung mehrfach vorkommt (Lansstraße 8, bis 26.8., Di-Fr 10-18 Uhr, Sa-So 11-18 Uhr). In der Kabinettausstellung werden ausschließlich Rollenbilder und Albumblätter des 20. Jahrhunderts gezeigt. Dass die traditionelle „Shanghaier Schule“ sich bis heute halten konnte, verdankt sich ihrem Malstil der lebhaften Farben und kraftvollen Pinselgesten. Chen Nian (1877-1970) war in dieser Tradition ein Meister der Blumen- und Vogelmalerei. Sein Tuschbild kombiniert Pflaumenblüten, die den Winter repräsentieren, mit vom Frühling kündenden Chrysanthemen. Den expressiven Lotos auf einer Grisaillemalerei tuschte Chen im „knochenlosen“, das heißt auf Umrisse verzichtenden Stil. Nur die papierweiße Blüte benötigt Konturen, weil sie sonst unsichtbar wäre. Xie Zhiliu (1910-1997) stellt die grünen Lotosblätter in den Vordergrund, lässt sie zur gewaltig-dunklen Wellenform verschmelzen. Da wirkt eine abstrakte Tupfenstruktur im Bild wie ein Gischttropfenregen. Hinter dem Blätter(-Meer) geht die Lotosblüte auf. Jens Hinrichsen

KINO

Das Lächeln der Zwillinge

und der Zeichner

Während die Realverfilmungen von „Pünktchen und Anton“, „Emil und die Detektive“ und „Das fliegende Klassenzimmer“ beharrlich an der Modernisierung der Kästner-Romane arbeiteten, geht nun Michael Schaaks Zeichentrickadaption von Das doppelte Lottchen genau in die andere Richtung. Mit Blick auf die Eltern setzt Schaak auf den Retro-Effekt. In strahlendem Gelb leuchtet der Himmel auf dem Plakat. Darauf in geschwungener Schreibschrift der Filmtitel. Darunter lächelt uns, mit wenigen klaren Strichen gezeichnet, das Zwillingspaar entgegen. Der Wiedererkennungseffekt funktioniert sofort. Jeder, der die Kästner-Bände gelesen hat, kennt die Zeichnungen von Walter Trier. In einer Zeit, in der die Kinolandschaft von dreidimensionalen Computer-Animationen überschwemmt wird, besinnt sich „Das doppelte Lottchen“ wieder auf den klassischen Zeichentrickfilm. Eine Aktualisierung des Stoffes war ohnehin nicht nötig. Denn die Geschichte der Zwillingsschwestern, die nach einer frühen Ehescheidung getrennt bei Vater und Mutter aufwachsen, sich in einem Kinderferienlager zufällig kennenlernen und fortan für die Zusammenführung ihrer Familie kämpfen, ist im Zeitalter des Patchworks aktueller denn je. Schaaks Trickfilmadaption bleibt dem Geist der Vorlage treu, peppt mit ein paar Handgriffen die Dramaturgie ein wenig auf, geht höchstens auf der Musikspur etwas zu sehr in die Vollen. Martin Schwickert

0 Kommentare

Neuester Kommentar