Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Energie

für immer

Man würde sich nicht wundern, wenn Ton Koopman nicht nur den Musikern des Deutschen-Symphonie-Orchesters Berlin, sondern auch gleich noch der ersten Publikumsreihe per Handschlag für die gute Zusammenarbeit danken würde – so energiegeladen ist der niederländische Dirigent, Tastenvirtuosen und Alte-Musik-Spezialist. Merkwürdig nur, dass sich die Energie in der Philharmonie musikalisch zunächst kaum mitteilt: Johann Sebastian Bachs Ouvertürensuite in C-Dur wirkt fast wie ein Konzert mit obligatem Dirigenten. Auch in der Kantate „Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust“ kann Koopmans gestischer Aktionismus nicht darüber hinwegtäuschen, dass er und die für den erkrankten Andreas Scholl eingesprungene Altistin Bogna Bartosz auf Sicherheit musizieren. Dies ändert sich erst, als der RIAS-Kammerchor, seinerseits ein renommierter Alte-Musik-Spezialist, das Podium betritt: Sofort wirkt Koopman fokussierter und im zweiten Chor von Carl Philipp Emanuel Bachs „Heilig“ brennt zum ersten Mal die Luft.

Ein inspiriertes Plädoyer für ein vernachlässigtes Meisterwerk halten die Interpreten auch mit Mendelssohn-Bartholdys „Lobgesang“-Sinfonie. Von einer allzu barock schnarrenden Truhenorgel und dem etwas zu starken Vibrato der Sopranistin Lisa Larsson einmal abgesehen, wirkt der Klang entschlackt, ohne spröde zu werden. Der überzeugendste Solist ist der differenziert deklamierende Tenor Werner Güra. Deutlicher als Koopman arbeitet der opernerfahrene Liedsänger die wenigen verschatteten lyrischen Seiten des vor Energie und Optimismus strotzenden Werks heraus – denn Sonnenseiten brauchen Kontrast, um richtig zu glänzen. Carsten Niemann

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