Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

OPER

Eine Liebe,

der nicht zu trauen ist

Der Frauenmörder ist ein schöner Ritter, der verschlissenes Gewand aus alter Zeit trägt. Neben ihm steht seine Braut Judith in blauer Nacht. „Herzog Blaubarts Burg“ ist hier ein Kammerspiel am Abgrund, auf schiefen Ebenen (Bühne und wandlungsfähige Kostüme: Lea Walloschke). Denn Bartóks Oper, die für großes Orchester mit glitzernden Harfen und expressionistischer Reizharmonik erdacht ist, beschränkt sich im Saalbau Neukölln auf eine Klavierfassung (flexibel: Saori Tomidokoro). Trotzdem dirigiert Kosuke Tsunoda so umfassend, als habe er den originalen Klangkörper vor sich. Das stützt auch die beiden Akteure, Martina Wäldele mit rührendem Sopran und Hubert Wild mit noblem Bariton, die sich nicht scheuen, an die Grenzen ihrer jungen stimmlichen Entwicklung zu gehen.

Die Kooperation von HfM und UdK wird von einer Inszenierung gesprägt, mit der Reyna Bruns ihr Regiediplom ablegt. Sie zeigt, wie das Seelendrama zwischen Judith, die Vater und Mutter verlassen hat, und ihrem geliebten Blaubart die Seiten wechselt. Aus der fordernden Aktivität der Frau, in die Seelenkammern des Herzogs einzudringen, wird Traurigkeit. Denn sie gewahrt darin Blut und Tränen. Diese Judith fragt wie Elsa nach „des Gatten Art“, weil sie ihn liebt, und entzieht sich, je mehr sie den tragischen Mörder entdeckt, wenn er seine Passivität aufgibt: „Küss mich, Judith!“ Sie wählt die Freiheit. Theatermittel ist der Steg in den Zuschauerraum. Kinderland, Zaubergarten mit lemurenartigen Dienerinnen, Requisiten traumhaft unterschiedlicher Dimensionen: Daraus macht die Phantasie ein Reich, dem nicht zu trauen ist. (Wieder am 1., 2., 3. Juni) Sybill Mahlke



KUNST

Eine Stadt,

die nicht zu fassen ist

Mit seinen über den Globus verteilten U-Bahn-Eingängen hat Martin Kippenberger diesem Gefühl Ausdruck gegeben: „Unter Tage“ verliert man schnell die Orientierung. Wer sagt, dass du nicht in London auftauchst, obwohl du in Berlin eingestiegen bist. Kermit Berg setzt diesen U-Bahn-Traum auf seine Weise ins Bild. Auf seiner Endlosband-Fotoinstallation im Ephraim-Palais gleiten die Metro-Schilder, Waggons und Underground-Reklamen unscharf ineinander. In der mit insgesamt 80 Arbeiten bisher umfangreichsten Werkschau des US-amerikanischen Fotokünstlers heißt es Metropolis: Umsteigen bitte! – die Städte verschmelzen zu einer Hyperstadt identischer, mindestens ähnlicher Strukturen (Poststraße 16, bis 23.9., Di-So 10-18, Mi 12-20 Uhr). Der 56-jährige, in New York und Berlin lebende Designer und Künstler setzt in diversen Fotoserien Dynamik und Puls von Metropolen ins Bild. Technische und architektonische Strukturen stehen im Vordergrund. Ob er städtischen Glanz oder Verfall („Berlin Bunker“) einfängt – Bergs Ansatz ist fast durchweg affirmativ, selten entsteht der Eindruck, dass sich der Fotograf seinen Gegenständen mit kritischem Blick genähert hat. Eine skeptische Haltung nimmt er höchstens im Zyklus „Apparition“ (Erscheinung, 2004) ein, in dem menschliche Schatten über Mauern und Geländer huschen – wie ein harmonieseliger Großstadtsinfoniker, der sich ein paar Moll-Eintrübungen leistet. Jens Hinrichsen

KLASSIK

Ein Klang,

der kaum zu toppen ist

Bekenntnisse zu klassischer Musikerziehung sind mittlerweile inflationär. Das Credo der Berliner Musikschulstiftung hat dagegen eine besondere Note: „Selber musizieren kann nicht nur klüger, sondern auch glücklicher machen.“ Zu diesem Credo der Stiftung gehört aber vor allem, dass kein Kind aus finanziellen Gründen darauf verzichten müssen soll, ein Instrument zu erlernen. Deshalb fand im Kammermusiksaal ein Benefizkonzert der Stiftung statt, mit vier international erfolgreichen jungen Musikern, deren Programmauswahl hörbar nicht von der Stange kam, sondern klug abgestimmt war. Kraftzentrum des Abends war der Pianist Martin Helmchen in der Violinsonate op. 23 von Beethoven und dem späten e-moll-Trio von Dvorák, mit wechselnden Partnern. Helmchen ist in seinem Spiel unermüdlich um artikulatorische Genauigkeit bemüht. Selbst für einen nur ungenau Hörenden dürften die Strukturen von Beethovens Stimmgeflecht durch diesen klugen Kammermusiker glasklar offenliegen. Die Geigerin Annedore Oberborbeck, die bei Beethoven eher ein indirektes Spiel hören ließ und nicht richtig zupacken wollte, wurde von Helmchen mitgezogen. Zupacken dagegen wollten und konnten Viviane Hagner und Alban Gerhardt in ihrer Interpretation des Duos für Geige und Cello von Kodály. Matthias Nöther

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