Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

KLASSIK

Wild wirbelnde

Wagner-Wonnen

Den dritten Akt aus Richard Wagners „Siegfried“ konzertant zu spielen, ist eine ziemlich gute Idee: Im Opernhaus, zumal bei einer zyklischen Aufführung des „Ring des Nibelungen“, ist das immer ein müder Punkt, fühlen sich selbst Wagnerianer schon ziemlich erschöpft, wenn der Held seinem Großvater Wotan unbekannterweise den Speer zerhaut, um anschließend Brünnhilde aus dem Feuerschlaf zu küssen. Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt aber begegnet der Hörer – nach einem leichten hors d’oeuvre mit Alban Bergs „ Sieben frühen Liedern“ – dieser Musik ganz frisch, voll Vorfreude, wenn Marek Janowski mit seinem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin das „Siegfried“-Finale aufrauschen lässt. Und, hojotoho!, der sonst so gestrenge Kapellmeister entfesselt ein opulentes, funkensprühendes, mal auch krachledernes Klangspektakel, eine mitreißende symphonie extatique mit obligaten Stimmen. Kaum einen Blick hat Janowski für die Gesangssolisten übrig (Elizabeth Connell, Birgit Remmert, Stephen Gould und Jukka Rasilainen sind Routiniers genug, um sich ihren Teil der Aufmerksamkeit selber zu sichern): Der Dirigent genießt es einfach, mit dem hoch motivierten, reaktionsschnellen RSB die brodelnden Wagner-Fluten zu durchmessen. Riesenjubel – und Dankbarkeit, dass Janowski, der im vergangenen Dezember seinen Job hinschmeißen wollte, Berlin nun doch bis 2011 erhalten bleibt. Er wird hier gebraucht. Frederik Hanssen

KLASSIK

Im Schatten der

Strawinsky-Stelen

Das Spätwerk von Igor Strawinsky gehört zu den gut gehüteten Schätzen der Musik. Mit drei Jahrzehnten Verspätung wandte Strawinsky sich der atonalen, der Zwölftonmusik zu und schenkte der Welt eine der bezwingendsten, persönlichsten Auslegungen dieser von Schönberg initiierten Kompositionsweisen. Seine „Threni“ von 1958 darf man getrost als musikalisches Stelenfeld bezeichnen, eine lange Folge knapp gehaltener Klagelieder gleitet wie eine Prozession am Hörer vorbei. Ohne ihm dabei ins Gesicht zu sehen. Mit sparsamsten Mitteln hellt der Komponist hier und da ein wenig auf, beispielsweise mit traumhaft dahingeflöteten Trompetenmelodien, die sich immer wieder wie eine Schlange um einen der Gesangssolisten winden. Oder später mit leuchtenden Streicherflageoletts in den Liedern um Trost und Hoffnung. Dem Deutschen Symphonie-Orchester und dem RIAS Kammerchor unter der Leitung von Stefan Asbury bereitet diese eigentümlich abstrakte und heikle Musik im Kammermusiksaal der Philharmonie zu Beginn einige Probleme. Es verwackeln einfach ein paar Einsätze zu viel, offensichtlich fehlen Ruhe und Konzentration. Erst gegen Ende wirkt die Aufführung geschlossen – danach möchte man am liebsten noch mal von vorne beginnen. Die Kantate „Inferno“ des Niederländers Jan van Vlijmen kommt der Musizierlust von Chor und Orchester deutlich mehr entgegen: Satte Klänge und üppige Gesten illustrieren hier Verse aus Dantes Höllenlyrik: „Lasst, die ihr eingeht, jede Hoffnung fahren.“ Ulrich Pollmann

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