Kultur : KURZ & KRITISCH

Verena Friederike Hasel

FOTOGRAFIE

Braunschweig liegt

am Meer

100 Jahre ist es her, dass das Foto seine Farbe bekam. Alles fing in Tutzing an, im Jahr 1907, wo die Brüder Lumière ihre eigens entwickelten Autochromplatten vorstellten. Schon einige Monate später fand die erste Ausstellung in New York statt, und die Lumière-Platten gingen in Großproduktion. Ebenso wenig wie das kleine Tutzing klingt Braunschweig nach dem Anfang von etwas Großem. Dort stammt Käthe Buchler (1876-1930) her, deren Fotografien das Verborgene Museum (Schlüterstr. 70, bis 29.7., Do&Fr 15-19 Uhr, Sa&So 12-16 Uhr) ausstellt. Und tatsächlich ist das, was man zu sehen bekommt, kaum größer als ein Handteller. Porträts und Landschaftsaufnahmen, Urlaubsbilder aus dem Leben einer Industriellengattin. Buchler war eine der Ersten, die die Lumièrschen Autochromplatten benutzte. Bei ihnen liegt vor der Bromnitratemulsion eine Schicht aus rot, blau und grün eingefärbten Kartoffelstärkepartikeln. Diese Körnchenstruktur verleiht den Autochromen eine fast impressionistische Note. Zwei Kinder im rot-weißen Strandkorb, im Rücken das blaue Meer, und die Sonne tunkt die Szenerie in Licht: Die Farben reichen so weit, dass man meint, man könne die Hand ausstrecken nach dem sonnenwarmen Sand. Verena Friederike Hasel



KUNST

Von der Sehnsucht,

zu sehen

In der Künstlergemeinschaft „Brücke“ war er der große Schweiger: Karl Schmidt- Rottluff (1884-1976) machte nicht viele Worte. Ohne seine Initiative als Gründungsstifter gäbe es kein Brücke-Museum – da versteht es sich von selbst, dass dem Expressionisten anlässlich des 40-jährigen Hausjubiläums eine Retrospektive gewidmet wird: Eine faszinierende Wunderkammer aus Formen und Farbe ist jetzt im Kunstforum Berliner Volksbank zu sehen (Budapester Str. 35, bis 5.8., Mo-So 10-18 Uhr, Katalog 19,90 €). 118 Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle und Plastiken. Immerhin gab Schmidt-Rottluff 1914, ein Jahr nach Auflösung der „Brücke“ zu Protokoll, dass er „kein Programm habe, nur die unerklärliche Sehnsucht, das zu fassen, was ich sehe und fühle, und dafür den reinsten Ausdruck zu finden“. Diesen Ausdruckswillen ahnt man schon im frühesten Exponat, dem „Erzgebirgsdorf“, dass der 20- Jährige 1905 mit impressionistischem Pinselschwung verewigte. Die Brücke- Kernjahre brachten harte, von glühenden Rottönen dominierte Farbkontraste. Ins Zentrum der Ausstellungsrotunde sind späte Stillleben gerückt, die Schmidt-Rottluffs Faible für die Kunst von Naturvölkern bezeugen. Daneben hängen afrikanische Büffelmasken und Kultschilder aus Neuguinea aus Schmidt- Rottluffs Sammlung. Jens Hinrichsen

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