Kultur : KURZ & KRITISCH

Kai Müller

ROCK

Punk ist tot,

kein Freispiel drin

Glücklicherweise können sich Legenden nicht selbst abschaffen. Sonst müsste man die Fehlfarben als Verlustfall melden nach dem Auftritt im Admiralspalast, bei dem das Düsseldorfer Sextett um Sänger Peter Hein in genau die Art verschwitzten, humorlos-schlampigen Altherrenrock verfielen, den man von über 50-Jährigen erwartet – aber eben nicht von den Fehlfarben. Wo ist die Schärfe, das Schneidende, die melancholische Dringlichkeit des Albums „Handbuch für die Welt“? Hein kommt mit seiner alten Lederjacke auf die Bühne, die ihm schon vor einem Vierteljahrhundert zu klein war, was schon mal entsetzlich peinlich ist, aber angesichts der drückenden Raumtemperatur auch sonst verfehlt wirkt. Was will er mit dem Utensil bezeugen? Dass er es noch immer nicht dem Deutschen Historischen Museum vermacht hat? Wäre ja Verrat! Womöglich interessiert sich die Nachwelt ohnehin mehr für seine exquisite Sammlung selbst gebatigter Oberhemden. Sei’s drum. Dass die Grandiosität der Hein’schen Wahrnehmungspoesie auch einer gewissen Kaputtheit, einer ramponierten Lebensemphase entspringt, ahnte man bereits bei Zeilen wie „am Ende das Meer/ Wirf mich hinein“. Das macht auch die Spannung des spät gereiften Fehlfarben-Lärms aus. Trotzdem ist jetzt, da Hein mutlos zum Mikrofon taumelt, seine Mitstreiter kumpelhaft umschlingt und Luftgitarren traktiert, die Selbstaufgabe nicht zu übersehen. Da fühlt sich einer total überflüssig. Dabei ist er – so viel kann nicht mal er verheimlichen – noch immer ein bestechender Rocksänger. Umso tragischer das Bild, das er abgibt: Man muss die Melodien von Songs wie „Paul ist tot“, „Grauschleier“ oder „Die Wilde 13“ ja nicht unbedingt singen, aber wenigstens sollten einem andere einfallen. Auch hier: kein Freispiel drin. Kai Müller

KLASSIK

Ein Erster

unter Gleichen

Nach lauter letzten Tropfen, die doch endlich das Fass zum Überfließen bringen müssten, so klingt das Adagio aus Mahlers zehnter Sinfonie, wie die Streicher der Kremerata Baltica unter Gidon Kremer es nun spielen, fast unerträglich schwelgerisch, in alle Richtungen des Tonraumes ausschweifend, auch in die nervösen, ungereimten, eine lang dauernde Musik, buchstäblich am Vorabend der Entstehung der Zwölftonmethode komponiert.

Ernster Beginn für einen Abend im philharmonischen Kammermusiksaal, der ausgelassen enden wird, mit dem lustigen Frühlingspotpourri „Sempre primavera“. Es folgt: Musik von Viktoria Poleva, Leonid Desyatnikov, dazu ein paar Vivaldi-Stückerl, Beethoven (Frühlingssonate!), sogar Strawinsky. Die fehlende Rhythmusgruppe von dessen „Sacre du printemps“ liefern die Streicher per Fußstampfer, und Andrei Pushkarev, der sich bei der Zugabe zu virtuosen Höhenflügen aufschwingen wird, ertränkt die Erinnerung ans „Sacre“-Fagottsolo in den unendlich schwingenden Rohren seines Vibrafons. Und dann noch Piazzola – seit langem ist die 1997 gegründete Kremerata Baltica dafür bekannt, sich die verschiedenen Stile ebenso lässig einzuverleiben, wie es ihr künstlerischer Leiter Gidon Kremer vermag. Der hatte den Mahler in die Hand genommen, auch den Solopart beim Arrangement der G-Dur-Sonate von Schostakowitsch gespielt – ruhig, ja andächtig, mit entrückten Momenten – und sich nur vorübergehend zurückgezogen, als sein junger Geiger-Kollege Daniil Garlitzky das ebenfalls umarrangierte Streichsextett von Tschaikowsky „Souvenir de Florence“ leitete, ein Erster unter Gleichen, mit sehnigem, überaus kraftvollem Ton. Christiane Tewinkel

KLASSIK

Sir Simon Sattle genießt das Publikum in der Philharmonie

Passend zur Impressionisten-Ausstellung bietet auch das Berliner Konzertleben Delikates aus Frankreich. Wobei Lothar Zagrosek mit den „Valses nobles et sentimentales“ von Ravel gleich unerwartet glänzt, hätte man ihm und dem Konzerthausorchester doch so viel Nähe zur französischen Klangkultur gar nicht zugetraut. Zeigen hier Zagroseks Jahre an der Grand Operá Paris ihre Wirkung? All die feinen Gereiztheiten, die morbid-prunkenden Ornamente und gespreizt-manierierten Traurigkeiten durchströmen den ausverkauften Saal mit der dem bekennenden Dandy Ravel angemessenen kühlen Kultiviertheit. Da ist das Feld dann für Pascal Rogé bestens bestellt, der aus Camille Saint-Saëns’ zweitem Klavierkonzert das Beste macht. Es handelt sich ja nicht gerade um eins der bedeutendsten romantischen Klavierkonzerte, aber Rogés Hingabe bringt es doch zum Blühen. Die vielen virtuosen Passagen verwebt er dann kunstvoll mit den Orchesterstimmen, von Zagrosek stets aufmerksam begleitet – auch der Mann fühlt sich sichtlich wohl in Berlin. Ulrich Pollmann

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