Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

TANZ

Innerer

Tumult

Ein Gefühl der Atemlosigkeit prägt die neue Choreografie von Toula Limnaios von Anfang an. „Life is perfect" in der Tanzbühne Die Halle zeigt Männer und Frauen in Abendroben, doch die Choreografin hält sich nicht lange mit Oberflächenreizen auf (wieder vom 14. - 17., 21. - 24., 28. - 30. Juni). Toula Limnaios ist dem inneren Tumult auf der Spur, ihre Stücke handeln von tiefer Verunsicherung. Wenn zwei Tänzerinnen sich ein Bandoneon umhängen, scheinen auch die Instrumente zu atmen: Sie dehnen sich aus, ziehen sich wieder zusammen und erzeugen so einen wehmütig-monotonen Klang. Fetzen von alten Tango- Schnulzen sind zu hören, mischen sich mit den Geräuschen der Körper und den minimalen Klängen, die der Komponist Ralf Ollertz live erzeugt. Die Paartänze sind quälerische Rituale. Neu ist der böse Humor. Limnaios entführt ins Tal der Puppen: Eine auftoupierte Blondine ist mit Klebeband an die Wand fixiert wie eine Motte; später taumelt sie haltlos zwischen den Männern. Eine andere Tänzerin zieht die Haut mit Wäscheklammern straff, bis es wehtut. Schönheit und Schmerz, Liebe und Abhängigkeit: Limnaios bedient sich strapazierter Tanztheater-Klischees, doch ihr gelingen immer wieder berührende Momente: Das Verlangen der Frauen nach Zärtlichkeit wird dann auf perfide Weise erfüllt. Eine Halbnackte wird von der Gruppe mit Küssen übersät, bis ihr Körper von rotem Lippenstift gezeichnet ist. Dann fallen die letzten Hüllen – was folgt, ist der Traum einer schwülen Sommernacht. Sandra Luzina

ROCK

Optische

Gitarre

Die Editors sind beileibe nicht die einzige Band, die ihren Erfolg einer Neuauflage des gitarrenlastigen Bombastpops der Achtziger verdanken. Das Quartett aus Birmingham ist nur ein wenig dreister als etwa Interpol und Bloc Party, wenn es darum geht, den Trademark-Sound von U2, Killing Joke oder Echo & The Bunnymen zu pathetischen Darkwave-Hymnen zu verschmelzen. Im Postbahnhof drischt Ed Lay mit gleichmütiger Brachialität auf seine Trommeln ein, Russell Leetch plonkt monotone Bassläufe und Chris Urbanowicz sperrfeuert die unverzichtbaren spitzig-abgehackten Gitarrenriffs. Drei grundsolide Malocher und damit die richtigen Begleiter für Tom Smith. Der Editors-Frontmann ist mit seinem volltönenden Bariton ein durchaus charismatischer Sänger. Vor allem aber ist er ein begnadeter Selbstdarsteller: Er wirft seinen sehnigen Körper in verdrehte Posen, fährt sich lasziv durchs Lockenhaupt und interpretiert sein Gitarrenspiel mehr als visuelles denn akustisches Spektakel. Am besten sind die Editors, wenn sie wie in der Schattenballade „Fall“ eine unerwartet zärtliche Ader offenbaren. Ansonsten relativiert sich eventuelles Unbehagen am stadiontauglichen Überwältigungsrock, wenn man blutjunge Fans enthusiastisch dazu tanzen sieht. Die Pop-Achtziger blieben ihnen erspart – dank der Editors können sie dieses Versäumnis nachholen. Jörg Wunder

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