Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

KLASSIK I

Die Schönheit

der Schöpfung

Wenn das Hauptthema des 1. Satzes im vollen Orchester aufrauscht, gerät Herbert Blomstedts Oberkörper in Bewegung, wiegt sich von recht nach links, mitgerissen vom Strudel dieser vierten Sinfonie Anton Bruckners: Der Dirigent, der in knapp vier Wochen 80 Jahre alt wird, strahlt dabei eine Vitalität aus, die neidisch macht. So möchte man später auch noch aufblühen können, durchpulst von den Energieströmen der Musik. Das Deutsche Symphonie-Orchester kann sich glücklich schätzen, mit diesem Maestro einen ganzen Bruckner-Zyklus vereinbart zu haben. Sensationell, wie Blomstedt am Freitag in der Philharmonie den Kopfsatz der „Vierten“ unter einen einzigen gedanklichen Bogen zusammenspannt, die zerklüftete Partitur als Kreislauf des ewigen Werdens und Vergehens deutet. Der transparente Klang des DSO kommt ihm bei dieser Deutung der Sinfonie als klingende Schöpfungsgeschichte sehr entgegen, und die Musiker, hingerissen vom gedanklichen Furor des Dirigenten, übertreffen sich selber, zaubern im Fortissimo überirdischen Glanz, geben den stillen Passagen Intensität und Tiefenschärfe.

In Mozarts Klavierkonzert Nr. 27 hatte zuvor Richard Goode mit einem daunenfederweichen Anschlag überrascht, wie er auf einem modernen, brillant-metallisch Steinway-Flügel bislang eigentlich unmöglich schien. Frederik Hanssen

KLASSIK II

Der Sinn

für Rhetorik

Ob Mondscheinharmonien oder Quasi-Fantasie, schäferlose Pastorale oder Marche funèbre mit folgendem Regenschauer – den Experimenten, die Ludwig van Beethoven um das Jahr 1801 wagte, haftet bei all ihrer Unterschiedlichkeit etwas Grundsätzliches an, das die Lösungen als idealtypisch erscheinen lässt. Nun ist auch András Schiff im Zuge seines Beethoven-Zyklus’ bei den ungleichen Vier angelangt. Es ist ein eher bewusster als hormongesteuerter Reifeprozess, den er seinem Publikum im ausverkauften Kammermusiksaal der Philharmonie präsentiert. Schiff verbreitet dabei das Gefühl, es sei nicht Beethoven, der dort unten am Klavier sitzt, sondern Haydn: Welchen Satz auch immer der Pianist anpackt, er tut es mit Klarheit, mit intuitiv wirkender Intelligenz und einem ausgeprägten Sinn für Rhetorik. Selbst so heterogene Schöpfungen wie die „Mondscheinsonate“ (deren ersten Satz er mit klugem Pedalgebrauch in ein aufregend fahles Licht taucht) wirken bei Schiff wie ein stringentes Ganzes.

Lust an der eigenen Virtuosität, revolutionäres Pathos und der Mut zum provozierenden Überfordern der Zuhörer, wie es Beethovens Spiel bei aller Finesse auch gekennzeichnet haben soll, gönnt sich Schiff dagegen erst bei der Zugabe, Bartóks Klaviersonate. Man verlässt den Saal mit dem eigentümlichen Gefühl, von Beethoven nicht überwältigt worden zu sein, sondern ihn verstanden zu haben. Carsten Niemann

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